Anata
Aus Kritische Masse Wiki
Anata – Wo eine Schule zur Front wird
von Adrian Wagner
Anata ist eine Stadt unweit von Jerusalem in den besetzten Gebieten. Es ist zehn Uhr als wir ohne Schwierigkeiten den Checkpoint passieren und dort ankommen. Mohamed, ein Freund den wir auf der Pilgerreise trafen wird angeblich von Soldaten in seinem Haus festgehalten. Wir sollen uns auf Komplikationen vorbereiten, meint Harry ein Freund von Middle Way zu uns. Als wir ankommen begrüßt uns Mohamed und ein Freund keine Soldaten, aber er sieht müde aus. Zuerst wird Tee getrunken und gefrühstückt, dann geredet. Er schildert was passierte in den letzten Tagen. Hila, eine Israelin übersetzt: Sonntag war der Offizier da und erklärte es würde keine Komplikationen geben, sie würden sich fern halten von der Schule.
Doch es kam anders so standen sich doch einmal mehr die Kinder und die Soldaten gegenüber. »Ihr nahmt uns unseren Schulhof, egal ob friedlich oder mit Gewalt wir bekommen ihn zurück!«, brüllte ein 13 Jähriger zum Offizier. Als die Soldaten den Jungen schließlich zum Jeep brachten und in Gewahrsam nahmen, eskalierte die Situation. Steine, Tränengas, Schockgranaten. Drei Soldaten wurden durch Steine verletzt, fünf Kinder durch die Schockgranaten. Eines schwer durch die Plastikummantelung der Granate.
Eine getarnte Sondereinheit hätte schließlich aus dem täglichen Linienbus heraus 6 Kinder verhaftet. Montag sei es ruhig geblieben, erst Dienstag gegen 10:30 Uhr eskalierte der Konflikt ein weiteres mal. Soldaten gingen in die Schule um Kinder zu verhaften die zwei Tage zuvor an den Ausschreitungen beteiligt waren. »Sie Filmen mit Kameras und machen Bilder, um die Kinder später zu verhaften.« Erklärt uns Mohamed.
Doch was war nun mit ihm und den Soldaten los? Kinder seinen weggelaufen von den Soldaten und hätten sich im Hinterhof versteckt, die Soldaten schossen Tränengas, da er Pferde hat wollte er sie davon abhalten. Daraufhin nahmen sie ihn Gewahrsam, sie hielten ihn drei Stunden fest und verschwanden dann gegen 8:30 Uhr. Sein Haus liegt ungünstiger weise an einem Hügel über halb der Schule und stellt somit, strategisch gesehen, einen überaus wichtigen Punkt dar. Weitere Kinder wurden verhaftet, ungefähr elf seien in der nahe liegenden Militärbasis Ofer, Richtung Ramallah unter Gewahrsam. Das Rote Kreuz sei informiert, vier von den Kindern hätten nächsten Sonntag einen Gerichtstermin.
»Wir sollten nun zur Schule gehen, die Jeeps sind da«, meint Hila. Die Anspannung steigt, noch liegt alles ruhig und beschaulich vor uns, lediglich das Blaulicht des Militärjeeps passt nicht ins Bild. Wir gehen zu den Soldaten, die bereist in voller Montur bereitstehen, sie probieren die Gasmasken auf und Laden das Gewehr mit dem das Tränengas geschossen wird. Von ihrem Blickpunkt aus bereiten sie sich vor, reine Sicherheitsmaßnahmen. Von Blickpunkt der Kinder aus gesehen eine Provokation.
Plötzlich zuckt ein Soldat zusammen, ich erschrecke. Was passiert hinter meinem Rücken? Fliegen schon Steine? Die Schule liegt ruhig hinter mir. Das Bild der Mauer, die den Schulhof teilt wirkt grotesk. Angst liegt in der Luft. Wie ein Teppich der alles einhüllt. Spürbar jedoch nicht sichtbar. Wir gehen um auf die Schüler zu warten, die jeden Augenblick aus der Schule kommen können. Es ist 11:29 Uhr. Noch wenige Minuten bevor das grausame Spiel zwischen den Kindern und den Soldaten beginnt.
Die Kinder kommen schreiend und jolend aus den Klassenzimmern gerannt. Angespannt warte ich. Cathrine ist sofort von einem Mob Kinder umgeben. Ich blondes Haar und die Tatsache das sie eine Frau ist erwecken Neugierde. Etwa 25 Meter, ein Teil des Schulhofs, liegen zwischen den Kindern und den Soldaten. Schon beginnen die ersten Jungen Steine in die Hand zu nehmen, in hohem Bogen fliegen diese in Richtung Militär. Ich werde immer nervöser, Cathrine fotografiert die Kinder. Lisa steht unentschlossen in der Menge. Hila neben mir. »Keine Bilder, das spornt sie nur an.« Meint sie, ich rede mit Cathrine, die versucht den Kindern auszureden Steine zu werfen. Es hilft nicht.
»Ein Spiel, ein Lied oder irgendwas anderes muss her!« Wir bilden einen Kreis mit der Hälfte der Kinder, es scheint zu funktionieren doch die Kinder verlieren zu schnell das Interesse. Immer noch sind ein paar damit beschäftigt Steine zu werfen. Es ist der Zeitpunkt kurz bevor die Situation völlig eskaliert.
Doch es kommt anders. Voller Verzweiflung beginne ich ein paar der Kinder wegzulocken. Ich spreche weder arabisch noch weiß ich ein Lied oder einen Tanz. So beginne ich einfach auf den Händen zu laufen. Überraschenderweise sind die Jungen schwer beeindruckt, ihr Respekt vor mir wächst. »Das ist deine Chance.« Hallt es in meinem Kopf. Jetzt oder nie. Immer mehr Kinder kommen zu mir. Sie bilden einen Kreis und Klatschen. Sie wollen mich tanzen sehen. Wie von der Tarantel gestochen beginne ich. Auf den Händen laufen, ein Rad, Flikflak und wieder ein Handstand, ein Salto und das ganze von vorn. Sie lachen, jubeln und klatschen ein paar von ihnen machen mit. Die Steine und die Soldaten scheinen vergessen. Die Emotionen, die Angst und die Gewalt die den Kindern eine unglaubliche Energie gibt, ist bei mir. Nur nicht aufhören, nur nicht aufhören...
Sie umringen mich und führen mich fort, lachend, jolend und schreiend. Ich verstehe kein Wort. Steine und Soldaten scheinen Langweilig geworden zu sein, wo doch dieser verrückte blondhaarige Junge da ist, der auf Händen läuft und Räder schlägt. Als wir Anata verlassen fühle ich einen Frieden in mir und Erschöpfung. Es kommt mir vor wie aus einem Film, dankbar für dieses erleuchteten Moment, schließe ich meine Augen. Wir sind unterwegs Richtung Tel Aviv. »Ihr solltet jeden Tag da sein, es braucht nur ein paar mehr Adrians.« Meint Hila begeistert. Ich schmunzle, und begreife immer noch nicht welches Pferd mich da gerade geritten hat.

