Badeseen von phillip hirsch
Aus Kritische Masse Wiki
Sengende Sonne, brutale Hitze, so dass einem schon vom Dasitzen der Schweiß runterrinnt, dagegen gibt es ein Jahrtausende altes probates Hausmittel: Baden gehen!
Dazu laden viele Schwimmbäder ein. Wer aber die Natur liebt ist doch eher abgeschreckt vom chlorigen Geruch eines einbetonierten Wasserkörpers. Am schönsten ist es eben doch in der Natur. Und so erhebt der hitzegeplagte Badewillige all die großen und kleinen Baggerseen, natürlichen Seen, dörfliche Waldweiher, kommunale und städtische Gewässer allsömmerlich zum ganz persönlichen Badesee.
Doch ebenso allsömmerlich wie die Beliebtheit der Badeseen sind leider auch die schlechten Nachrichten, die sich um diese scharen. Da muss man vom fast jedem See in fast jedem Sommer hören, dass „der kurz vorm Umkippen sei!“ oder „man da eigentlich gar nicht ins Wasser darf“, weil das ja „total belastetes Wasser“ sei, mit allerlei „voll gefährlichem Ungeziefer drin“.
Auch namhafte Boulevardzeitungen lassen es sich nicht nehmen sommerlochfüllende Schreckensnachrichten über heimische Badeseen zu verbreiten. Da sind die üblichen Verdächtigen wie z.B. der „Alligator im Baggersee“ noch mit einem Schmunzeln zu ertragen. Schlagzeilen wie „Killeralgen! – Badesee gesperrt!“ hinterlassen da schon eher ein komisches Gefühl, zumal ja tatsächlich immer wieder einige Badeseen für den Badebetrieb gesperrt werden. Aber was steckt wirklich hinter den Killeralgen? Was heißt das eigentlich – Umkippen? Und warum ist das der Grund dafür, dass am Badestrand plötzlich „Baden verboten!“ steht? Und außerdem, wer bestimmt eigentlich wann ein See für die Öffentlichkeit gesperrt wird?
Also fangen wir mit dem Wörtchen an, welches wohl geantwortet würde auf die Frage: was ist das absolut allerschlimmste was mit einem Badesee passieren kann: Umkippen (vielleicht Austrocknen noch, das kommt dann in der nächsten Ausgabe- vielleicht). Um das Phänomen Umkippen zu erklären müssen wir ein bisschen tiefer in den See. Die Oberfläche ist in einem See eigentlich keine kritische Zone, hier spielt sich das blühende Leben des Seesommers ab: Algen produzieren durch die Photosynthese jede Menge Sauerstoff und Biomasse und daran hängt dann der Rest der Nahrungskette. All diese Algenkonsumenten und auch die Algen selbst sterben aber irgendwann und sinken dann ab. Unten in der „kritischen“ Zone des Sees angekommen werden sie von Bakterien zersetzt und das kostet Sauerstoff. Im Tiefenwasser ist aber nur eine bestimmte Menge Sauerstoff gespeichert. Es gibt kein Licht also keine Algen, keinen Kontakt zur Luft und die Kontaktfläche zum Oberflächenwasser ist im Vergleich zum Volumen des Tiefenwassers so gering das auf diesem Weg kaum Austausch von Sauerstoff stattfinden kann (nur im Winter wird auch das Wasser von ganz unten nach oben gebracht und kann sich mit Sauerstoff anreichern). So kann es also passieren, dass vor allem in heißen Sommern mit viel Sonnenschein, im Oberflächenwasser so viel Algen entstehen, dass deren Zersetzung in der Tiefe allen Sauerstoff aufbraucht. Und jetzt wird’s kritisch: Im Seesediment liegt nämlich jede Menge Phosphat gelagert, dass dort auch schön versiegelt bleibt – solange es in der Tiefe noch Sauerstoff hat. Ist dieser aber verbraucht liegen andere chemische Bedingungen vor und es gelangt ins Seewasser. Jetzt schlägt die Stunde der Stunde der „Killeralgen“! Diese sind eigentlich keine Algen sondern Bakterien so genannte Cyanobakterien. Und worauf diese Algen zum Leben ganz besonders angewiesen sind ist Phosphat. Ist viel davon im Wasser, machen vor allem die Cyanobakterien gegenüber anderen Algen das Rennen und vermehren sich explosionsartig: es kann zu einer Algenblüte (Cyanobakterienblüte) kommen. Als „Killeralgen“ werden sie bezeichnet, weil sie Giftstoffe produzieren, die für den Menschen sehr toxisch sein können. Wirklich als Killer treten sie aber nur in Erscheinung wenn Menschen diesen Giftstoffen im Trinkwasser ausgesetzt sind. In solch einem Fall kann es beispielsweise zu ernsten Leberschäden kommen. In einem Badegewässer droht vor allem die Gefahr von Hautreizungen und allergischen Reaktionen auf die von den Cyanobakterien ins Badewasser abgegebenen Stoffe.
Auch auf andere Lebewesen hat das Fehlen von Sauerstoff im See einen Effekt. Viele Bakterien, die nicht auf Sauerstoff zum Leben angewiesen sind können sich nun verstärkt vermehren. Problematisch daran ist, dass viele Fäkalbakterien wie z.B. das berühmte Escherichia coli Bakterium und andere Einzeller, die ebenfalls hervorragend an Sauerstoffmangel angepasst sind, sich nun auch verstärkt vermehren. Wer als Badender zuviel von diesen verschluckt kann daraufhin mit Durchfall und Erbrechen und anderen Verdauungsbeschwerden geplagt werden.
Diesen komplexen Prozess also, der überbordenden Algenproduktion an der Oberfläche, des Sauerstofffreiwerdens des Tiefenwassers und des anschließenden Aufkommens von Cyanobakterien und Fäkalbakterien ist das eigentliche Umkippen des Sees. Im negativen Sinne spektakulär wird ein umgekippter See, wenn der Sauerstoffmangel so groß wird, dass die Fische des Sees sterben und Bauch oben ans Ufer treiben. Übler Gestank tut dann Kunde vom ganz im Stillen abgelaufenen Prozess des Umkippens.
Der daraufhin folgende öffentliche Aufschrei und die auch schon mit unspektakulärer abgelaufenem Umkippen verbundenen Gesundheitsrisiken haben die öffentlichen Entscheidungsträger sensibel für die ökologischen Zustand eines Sees gemacht. Auf den Tatbestand des Umkippens hin wird jeder Badesee von den Umweltbehörden des jeweiligen Bundeslandes regelmäßig ca. alle 14 Tage untersucht. Dabei wird eine genaue Analyse des Wassers durchgeführt. Wichtigster Teil dieser Analyse des Badewassers ist die mikrobiologische Untersuchung. Hierbei wird unter anderem gezielt auf die Konzentration von Fäkalbakterien geprüft. Prominentester Vertreter dieser Gruppe das Darmbakterium Escherichia coli, dient auch als Indikator für die Belastung mit anderen schwerer nachzuweisenden Bakterien, denn wo E. coli ist, sind auch andere Fäkalbakterien. Außerdem wird nach lebenden E.coli Bakterien gefahndet, denn wenn es E. coli außerhalb seiner ursprünglichen Heimat schafft zu überleben, ist das ein starker Hinweis darauf, dass es andere Fäkalbakterien auch schaffen. Wird also der Grenzwert von 2000 E.coli pro 100 ml Seewasser überschritten (zum Vergleich in Trinkwasser dürfen 100 ml kein einziges E.coli Bakterium erhalten), wird das Gewässer zum Baden gesperrt.
Welche sonstigen Grenzwerte es gibt, welche Bundesländer wie oft prüfen und Gewässergütekarten der Badegewässer einiger Bundesländer gibt es online unter untenstehenden links. Außerdem gibt es beim Bundesumweltamt auch einen ganz guten Überblick über die Badegewässerthematik unter www.bmu.de.
Eine seit diesem Frühjahr in Kraft gesetzte EU-Richtlinie hat sogar noch höhere Qualitätsstandards angemahnt, so besitzt ein Badegewässer nach dieser Verordnung nur noch ausreichende Qualität, wenn nicht mehr als 900 E. coli pro 100 ml Seewasser gefunden werden. Ein guter Ansatz, da vor allem bei Kleinkindern, die beim Baden besonders viel Wasser verschlucken, eine starke Bakterienbelastung zu Gesundheitsproblemen führen kann. Ansonsten sollte man jedoch keine überzogenen Ekelreaktionen auf die vermeintlich hohe Bakterienfracht eines Badegewässers zeigen. Trinkwasser ist eben ein Lebensmittel höchster Güteklasse damit kann sich kein Seewasser messen. Außerdem ist eine bestimmte Konzentration an Fäkalbakterien in einem Gewässer absolut natürlich, schließlich leben ja auch Tiere im und am See. Um die Gefahr des Umkippens und damit der Sperrung seines Lieblingsees zu minimieren kann auch der einzelne Badegast etwas tun: Zum einen sollte man wenn möglich die Toiletten benützen! Das was man sonst im See hinterlässt enthält nicht nur jede Menge Phosphat sondern wie deren Name schon sagt kommen so auch Fäkalbakterien ins Badewasser. Zum anderen sollte man keinen Müll oder Lebensmittelreste in den See werfen, deren Zersetzung verbraucht Sauerstoff. Das ohnehin schon ökologisch bedenklich Entenfüttern sollte in einem Badesee gänzlich tabu sein, Futterreste und Vogelkot düngen den See noch zusätzlich.
Phillip Hirsch
Baden-Württemberg www.lfu.baden-wuerttemberg.de
Berlin www.badegewaesser.berlin.de
Brandenburg www.brandenburg.de/badestellen
Bremen www.umwelt.bremen.de
Hamburg www.hamburg.de
Mecklenburg-Vorpommern www.sozial-mv.de
Nordrhein-Westfalen www.munlv.nrw.de
Niedersachsen www.badegewaesser.nlga.niedersachsen.de
Rheinland-Pfalz www.wasser.rlp.de
Sachsen www.lua.sachsen.de
Sachsen-Anhalt www.ms.sachsen-anhalt.de
Schleswig-Holstein badewasserqualitaet.schleswig-holstein.de
Thüringen www.thueringen.de

