Bildungsentwicklung

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Die Zerstörung des Anders-Wissens

Bologna-Prozess, Bachelor-»Abschluss«, Campus Management, Studienkonten, Studiengebühren… Die unmittelbaren Folgen für die Studenten sind natürlich unangenehm und ein Hauptmotivationsgrund, auf die Straße zu gehen. Doch die langfristigen Folgen sind mehr als nur das – sie zerstören Wissen durch die Instrumentalisierung jener Sache, die eigentlich Wissen schaffen sollte.

Die ersten Universitäten sind gegen Ende des Mittelalters gegründet worden mit dem humanistischen Ziel, dass es nicht noch einmal zu einer solch verheerenden Vernichtung von Wissen kommt, die das Mittelalter zu einem so »finsteren Zeitalter« gemacht hatte. Es sollte also Wissen – zumeist in Form von Büchern oder Manuskripten – zusammengetragen und weitergetragen werden. Damit wurde begonnen, auch kommenden Generationen den Zugang zu den Quellen zu ermöglichen – um die Plausibilität ihrer Erkenntnisse zu beweisen und sie gegen Autoritäten wie die Kirche zu verteidigen. Durch die Verbreitung von Wissen und Erkenntnissen über Zusammenhänge wurde auch einer der Hauptgründe für die Religiosität und Gottesfürchtigkeit der Leute abgebaut – nämlich nicht zu wissen, woher man selbst kommt. Für dieses Nicht-Kennen der eigenen Geschichte gab es natürlich auch noch einige andere Gründe – zum Beispiel die niedrige Lebenserwartung und die Gebundenheit an die Scholle, an das Land, auf dem man lebte. Blicke über den Tellerrand hinaus oder langfristiges Zusammenknüpfen von Erfahrungen zu etwas, was man »Weisheit« nennen könnte, wurden quasi verunmöglicht. Verunmöglicht, könnte man meinen, wäre heute angesichts von Internet und weltweiter Datenvernetzung wohl eher die Möglichkeit eines erneuten derartigen Rückschritts. Doch tatsächlich ist die Gefahr so groß wie nie. »Ich kann nur noch Bachelor studieren, muss in 6 Semestern all meinen Stoff durchbekommen, in jeder Vorlesung Leistungspunkte sammeln, hab also keine Zeit und wegen Gebühren auch kein Geld mehr, etwas anderes zu besuchen als die Vorlesung, die ich wirklich verpflichtend nachweisen muss…« – wird sicherlich bei den meisten Studenten ein Grundgefühl sein. Bei den Professoren sorgt nebenbei der Stellenabbau dafür, dass deren verbleibende Arbeitszeit auch immer mehr für die Pflichtbereiche genutzt werden muss. Sowohl die Studierenden, als auch die Lehrenden müssen sich auf den »Mainstream« konzentrieren, der durch die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes diktiert wird. Damit wird das Wesen der Universitätsbildung an sich angegriffen, denn wenn man Uni von Schule abgrenzen möchte, so wird man an vorderster Stelle die Individualität beim Unistudium entdecken. Während an allen Schulen eines Landes der selbe Stoffplan gelehrt wird, sind die Vorlesungskonzepte an den Universitäten fast immer einmalig und daher auch wesentlich wertvoller als Schulunterricht. Ob eine Vorlesung zu einem Thema gemacht wird oder nicht, kann bei spezialisierten Themen dazu beitragen, ob sich weiterhin Menschen mit diesem Thema auseinandersetzen oder das Thema stirbt. Mit dem Wegfall einer Professur oder gar eines Faches wie es z.B. den Geowissenschaften in Stuttgart 2005 erging, stirbt fast immer auch der entsprechend spezialisierte Forschungszweig.

Die Anzahl der Seminare zu Randthemen wie »Geschichte der anarchistischen Frauenbewegung« oder »Politische Psychologie und Erich Fromm« wird durch die neoliberale Bildungspolitik drastisch sinken und die Beschäftigung mit solchen »peripheren« (am Rand stehenden) Wissensbereichen mehr und mehr abnehmen – nicht nur bei den Gesellschaftswissenschaften hat so etwas auch politische Auswirkungen. »Imperialismustheorien« und ähnlich schmückendes Beiwerk, was über die von oben definierten »Kernkompetenzen« hinaus geht, wird natürlich nicht aus dem Regal entfernt geschweige denn zensiert, aber da sich quasi niemand mehr damit beschäftigt, wird dieses Wissen auch viel schwerer auf der Höhe der Zeit zu halten sein und keine ergiebigen Erklärungen mehr für neue Entwicklungen geben. Daher werden sich dann noch weniger Menschen mit diesen Themen beschäftigen und sie werden – schleichend – untergehen oder – schlimmer noch – als Fehlerbeispiele für (scheinbar) falsche Theorien der Geschichte missbraucht werden und der verbreiteten »TINA-Auffassung« noch mehr Nährboden geben (»TINA« steht für »There is no alternative!«, ein Ausspruch von Margarete Thatcher über die Alleingültigkeit des kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Gesellschaftsmodells.). Um es mit einem Beispiel zu veranschaulichen: Das Frankfurter Institut für Sozialforschung hat maßgeblich dazu beigetragen, die kapitalismuskritischen Theorien von Marx für das 20. Jahrhundert tauglich zu machen und ist auch auf die Gegenargumente eingegangen, die z.B. durch die Unmenschlichkeit des Sowjetregimes aufgekommen sind. Ohne das von der »Frankfurter Schule« geschaffene Wissen wäre es heute wesentlich einfacher zu begründen, dass es zum herrschenden System »no alternative« gebe. Dann würden wir uns tatsächlich noch irgendwann dem schon nach dem Mauerfall prophezeiten »Ende der Geschichte« nähern.

Wo das Bachelor-Modell die Gangart für den Studiumsinhalt setzt, setzen ihn die Studiengebühren für die einzelnen Studierenden. Wer unter dem Druck steht, möglichst wenig Geld für's Studieren drauf gehen zu lassen bzw. mit möglichst wenig Schulden aus dem Studium raus zu gehen, sollte sich auf den Pflichtrahmen begrenzen. Nur wer sehr reich ist, kann es sich noch leisten, in gemächlichem Tempo die Bandbreite des Lehrangebots zu erschließen und persönliche Schwerpunkte zu finden. Doch der Prozentsatz an reichen, vom gegenwärtigen System profitierenden Menschen, die gleichzeitig Interesse an alternativen Lebensphilosophien, alternativen technischen Entwicklungen, Geschichte von Bewegungen und Revolutionen haben, ist aus einem – nicht ganz unverständlichen – Eigeninteresse heraus, verschwindend gering.

Zu guter letzt werden »Campus Management«-Modelle und zunehmende Digitalisierung auch noch die Überwachung darüber ermöglichen, dass die Studierenden sich tatsächlich in erforderter Länge und Intensität mit den vorgegebenen »Mainstream«-Themen auseinandersetzen – um auch wirklich sicher zu gehen, dass niemand seine wertvolle Studierzeit mit unverwertbarem nutzlosem Randwissen »verschwendet«.

Es ist ein langsamer Tod, den das Wissen sterben wird – und ein langsames Verstümmeln unserer Argumente gegen die herrschende Weltordnung und unserer Möglichkeiten, neue Wege zu erkämpfen. Wissen wird verloren gehen über die Beispiele, wo andere Welten schon mal möglich waren, wie den Spanischen Anarchismus. Wissen über unsere sichtbaren Alternativen, die vom herrschenden System schon immer auszulöschen versucht wurden. Der so gefährliche Unterschied zu früheren Gleichschaltungsversuchen ist, dass der aktuelle erstmals in der Geschichte in globaler Übereinstimmung verläuft...

In die Zukunft zu sehen ist eine Hybris (gegen die Natur verstoßende Anmaßung) angesichts des chaotisch-komplexen Charakters der Welt, daher sage auch ich nicht, dass es so kommen muss – sondern lediglich, dass es so kommen kann. Und das wäre den jetzigen Machthabern (die mit den früheren Machthabern vom Prinzip her indentisch sind, lediglich die Gesichter tauschten...) wohl eher recht als unrecht, wenn als »Kollateralschaden« die Bildung wie eben von mir beschrieben nur noch auf den Mainstream zugerichtet wird. Ob man den Machthabern tatsächlich so viel Weitsicht und Gerissenheit unterstellen darf, genau diesen Kollateralschaden bewusst anzusteuern, lässt sich nur mutmaßen.

»Who controls the past now, controls the future. Who controls the present now, controls the past.« Dieser Satz von George Orwell bekommt durch die Instrumentalisierung von Bildung noch eine neue und – einmal vollständig durchgesetzt – erschreckend irreversible (nicht wieder rückgängig machbare) Facette. Darum: Jetzt aktiv werden oder bald für immer schweigen!

Mandus Craiss

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