Bologna

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Bologna – Benefit oder Bedrohung für die Hochschulkultur?

Von Akkreditierungsmaßnahmen hört man da oder von Bachelorstudiengängen, die wohl bei jeder Oma für gänzliches Unverständnis sorgen werden, wenn der stolze Enkel mit seinem Abschlusszeugnis daherkommt … Seit dem vor sechs Jahren abgefassten Bologna-Beschluss sind massive Umwälzungen in unserem Bildungssystem im Gange. Doch was bedeutet deren Umsetzung für die deutsche Hochschulpolitik konkret und welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Reformen für uns? Von Biggi Hoinle

Zunächst stand da die Idee, im Rahmen des europäischen Annäherungsprozesses dieses Konzept auch auf die Bildungspolitik zu übertragen. So wurde im Jahr 1998 von den Bildungsministern aus Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien ein Vorhaben formuliert, das im europäischen Raum die Förderung von Mobilität, Beschäftigungs- und Wettbewerbsfähigkeit vorsieht. Inzwischen haben sich diesem am 16. Juni 1999 in Bologna konstituierten Pakt, dessen Umsetzung bis 2010 abgeschlossen sein soll, 41 weitere Staaten angeschlossen. Neben der Einführung von Bachelorstudiengängen, die auf einem Konzept der internationalen Vergleichbarkeit beruhen, wurden noch weitere Ziele anvisiert, darunter - zumindest auf dem Papier - die bessere Mitbestimmung der Studierenden oder die forcierte finanzielle Förderung der Fakultäten im Zuge der Fakultätsentwicklung. Viel Aufwand kosten unter anderem die umfassenden Akkreditierungsmaßnahmen, bei denen jeder einzelne Studiengang einer Qualitätsprüfung unterzogen wird. Nur ein akkredierter Studiengang bietet die Zugangsvoraussetzung zu einem Aufbaustudium, also die Zulassung zu einem Masterstudienplatz.

So ist man in den teilnehmenden Ländern seither eifrig – um nicht zu sagen hektisch – dabei, das jeweilige Hochschulsystem auf das Vorbild des angelsächsischen Zweistufenmodells zu trimmen. Statt Diplom, Magister oder Staatsexamen werden nun nach bereits drei Jahren (d.h. wenn alles glatt läuft) Bachelorabschlüsse verliehen. Den Studierenden soll – zudem anscheinend praxisorientierter ausgebildet – ein schnellerer Start ins Berufsleben ermöglicht werden. Wem diese »Grundausbildung« nicht genügt, der kann sich nach einem der wenigen Masterplätze umsehen (zahlenmäßig dürfte für circa ein Drittel der Bachelorabsolventen ein Masterplatz zur Verfügung stehen, d.h.: ranhalten Leute!), um sich dort weiter zu spezialisieren, sofern er es sich leisten kann, da ein Masterstudiengang ziemlich teuer kommt. Diese bereits jetzt bestehende Gebührenpflicht gründet auf der Überlegung, dass der Bachelor ja bereits einen berufsqualifizierenden Abschluss darstellt. 2010 sollen die neuen Studiengänge flächendeckend eingeführt sein, dann ist es aus mit dem morgendlichen Zwiespalt zwischen Gewissen und Schweinehund eines Studenten, ob er nun die Vorlesung besuchen soll oder nicht, denn dort herrscht Anwesenheitspflicht; schließlich sollen ja Leistungspunkte gesammelt werden! Der Zweck dieses ECTS-Systems ist es die Leistungen der Studierenden international vergleichbar machen zu können. Zwar resultieren aus diesem Konzept nicht gerade unattraktive Mobilitätsmöglichkeiten, denn man kann somit sein Studium mal eben in Deutschland beginnen und in Frankreich abschließen oder andere Spielereien. Der studentischen Freiheit, nach eigener Interessenlage und Motivation (die trotz aller »fauler-Studenten« - Stigmata im Allgemeinen nicht die schlechteste ist …), Kurse auswählen zu können, ist damit allerdings weitestgehend ein Ende gesetzt. Eine Studiumsstruktur, die Erinnerungen an den guten alten Stundenplan in der Schule weckt, erfordert mehr Lernaufwand und Zwang, denn schließlich soll in drei Jahren gelernt werden, was man sonst in vier, fünf oder mehr zu bewältigen hatte, weswegen dem neuen Modell – berechtigt oder nicht – der Ruf eines »Schmalspurstudiums« vorauseilt. Befürchtungen um den Verlust der wissenschaftlichen Tiefe werden dabei ebenso laut wie auch um den Technologiestandort Deutschlands (so der Verband der Technischen Hochschulen). Dagegen wurde mit der seit 2004 laufenden »Bachelor welcome« – Kampagne, der sich verschiedene Unternehmen wie VW angeschlossen haben, durchaus ein Signal der Offenheit seitens der Arbeitgeber gesetzt! Ein Vorteil der verkürzten Studienzeit dürfte allerdings sein, dass man sich bereits nach drei Jahren über einen ersten Abschluss freuen kann. Mancher Jurastudent, der - wenn er sein Abschlussexamen nicht besteht - vor dem kompletten Nichts steht, dürfte dieser Idee durchaus etwas abgewinnen können!

Was man davon auch immer halten will, bleibt jedem selbst überlassen, die Entscheidung ist jedenfalls definitiv gefällt und die Umsetzung schon längst am Laufen – besser gesagt am Sputen und Holpern, denn oftmals verlief diese ziemlich überstürzt. Fragen über konkrete Studiumsstruktur oder Auslandssemester bleiben oftmals noch ziemlich offen. Diese teils chaotischen Zustände dürften ein Grund sein, weswegen in manchen Unis Studenten nach einem Jahr Bachelortum wieder auf herkömmliche Studienarten wechseln – und diese Wechslerzahlen sind nicht mal gering …

Mobilität, Beschäftigungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit schön und gut, aber die elementarste Frage stellt sich für mich, wie in dieser Konstellation aus straffen Studiengängen, bei denen kaum Zeit für Nebeninteressen und auch -beschäftigungen bleibt, kombiniert mit der Einführung von in ihrer Höhe unbestimmbaren Studiengebühren für den Normalsterblichen ein Studium noch machbar und vor allem bezahlbar ist. Werden in solch einer auf Effizienz ausgelegten Hochschulkultur noch Raum für geisteswissenschaftlichen Fächer wie beispielsweise Philosophie – mit unbestimmbaren Aussichten auf spätere Berufs- und Rückbezahlungschancen – bleiben und inwiefern würde solch eine Entwicklung die Medienwelt und die politische Kultur unseres Landes nachhaltig verändern? Kann man überhaupt noch nach seinen Interessen studieren, wenn man stets seine spätere Kreditbegleichung im Hinterkopf zu behalten hat und zudem seinen Stundenplan schon vorgefertigt bekommt? Wie wirkt sich ein auf Wettbewerb angelegtes Bildungssystem auf dessen Qualität aus? Fragen über Fragen, die wohl erst die Zukunft, nicht aber die Verantwortlichen selbst, beantworten wird.

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