Das Tanzen liegt uns im Blut
Aus Kritische Masse Wiki
Quelle: Der folgende Artikel erschien im Februar 2004 in der Kritischen Masse Nr.50 auf Seite 27
"Das Tanzen liegt uns im Blut"
Im Theaterhaus Stuttgart ist die Tanzgruppe "Gumboots" zu Gast. Hier führen die Tänzer den "Gumboots"-Tanz vor. Dieser Tanz mit Gummistiefel und Kettenrasseln entstand ursprünglich als Mittel zur Verständigung bei den südafrikanischen Minenarbeitern. Ihnen war es bei der Arbeit unter Tage verboten miteinander zu sprechen. Nach der Tanzshow hatte ich Gelegenheit mit den Tänzern der Gruppe, Nicholas Nene (32) und Sipho Ndela (35) über das Berühmtsein, ihre Jugend in Südafrika und die Nachwuchsförderung zu sprechen.
"Das Tanzen liegt uns im Blut", so Sipho Ndala, der als einer von sechs Gründungsmitglieder der Tanzgruppe "Gumboots" von Anfang an dabei war. Angefangen mit dem Gumboots-Tanzen hat die heute 12 Tänzer zählende Gruppe zu sechst im Jugendzentrum Thabisong. Diesen Jugendclub besuchten beide schon im Alter von 10-11 Jahren. Das Jugendzentrum wurde 1974 von Mrs. Makhudu, einer im Kinderbetreuungsbereich engagierten Frau, aufgebaut mit finanzieller Unterstützung der deutschen Botschaft.
Zum zweiten Zuhause für Jugendliche wurde das Jugendzentrum dann in Zeiten von gewalttätigen Unruhen, Apartheid und willkürlichen Verhaftungen.
"Ältere Jugendliche im Jugendzentrum haben uns dann Tanzen, Gedichte schreiben, Sportarten und vor allem soziales Verhalten beigebracht. Manchmal gab es auch "Nachhilfe" in Mathematik oder anderen Fächer", erklärt Nicholas Nene. Im Jugendzentrum konnten Jugendliche nicht nur das "Gumboots"-Tanzen erlernen, sondern auch traditionelle afrikanische Tänze, Gedichte schreiben und vortragen, körperliches Fitnesstraining und Sport. Nene fasst es zusammen: "Das Zentrum holte uns von der Strasse." In ihrer Jugend gab es ansonsten in und um das "Township Soweto" praktisch keine Freizeitangebote. Im Jugendzentrum wurde Jugendlichen neben verschiedenen Tänzen aber vor allem der gegenseitige Respekt voreinander beigebracht.
Ende der achtziger gab es viele schwere Unruhen und viele wurden politisch aktiv, andere suchten sich Arbeit und wiederum andere gingen weiter zur Schule. Viele wurden zu Hause unter Druck gesetzt, sich Arbeit zu suchen und etwas für den Familienunterhalt beizutragen.
"Von den 200 Jugendlichen blieben wir sechs übrig" so Sipho Ndela un erzählt weiter: "Wir sagten uns, dass wir jetzt etwas für uns tun müssen. Wir konzentrierten uns dann darauf und verfeinerten unsere Techniken und nannten uns dann "Rishile Gumboots Dancers of Soweto."
Was treibt die Leute an?
Die Künstler sehen Gumboots als stolzes Vermächtnis der früheren Minenarbeiter, die hart arbeiten mussten. Einige von ihnen brachten Sipho und Nicholas im Jugendzentrum einige Tanzschritte des Gumboots bei. Als sich die 6-köpfige Truppe durch Gumboots-Tanzen als gemeinsames Ziel zusammengeschweisst wurden, waren sie zwischen 17 und 21 Jahre alt.
Gumboots Dancing wurde zu ihrem erfüllenden Lebensinhalt - sehr zum Leidwesen der skeptischen Eltern und ihrer Umgebung. Es folgten Auftritte auf Partys oder in der Öffentlichkeit. Damals noch non-profit-mässig baten sie nach ihrer Performance um Spenden. Ihre Einnahmen sparten sie dann und kauften dann davon neue Kleidung und Lebensmittel für ihre Familien.
Wann kam ihr Durchbruch?
Zenzi Mbuli, ihr späterer Direktor und Regisseur, entdeckte die kreative Tanzgruppe in den Strassen von Johannesburg. Er leitete das Market Theatre und verhalf ihnen zu Auftritten in und um Johannesburg.
Dann folgte eine Einladung nach Sidney um im Rahmen des Sidney Festivals im Opera House aufzutreten. Dafür trainierten sie dann hart und professionell mit Zenzi Mbuli. Durch den großen Auftritt im Opera House konnten sie viele weitere wichtige Kontakte knüpfen und erweiterten ihr Team dann von 6 auf 10 Leute um Ersatzleute zu haben, weil dann das Motto galt "the show must go on".
Während der jahrelangenlangen täglichen Übungen und Auftritte hatten sie wenig zu essen zu trinken und versuchten ihre Familien so gut es ging zu unterstützen.
Und heute?
"Heute kann ich meiner Familie helfen und meinen jüngsten Verwandten Schulbücher oder Kleidung für die Familie besorgen", so Nicholas Nene.
Schulbildung halten die Gumboots für sehr wichtig."Das Leben nach der Apartheid ist überhaupt viel offener. Den Jugendlichen stehen durch die Schule heute viele Möglichkeiten offen, die wir nicht hatten. Heute kann man durch harte Arbeit wirklich etwas erreichen", betont Ndela und ergänzt "Wenn wir Jugendliche unterstützen, dann bezieht sich das nicht nur auf ihre "Tanzkarriere", sondern auch um die Vermittlung von Werten - gerade weil viele uns bewundern ist das wichtig".
In Deutschland gibt es "Deutschland sucht den Superstar", bei dem es Jugendlichen darum geht, möglichst schnell reich und berühmt zu werden - gibt es so etwas auch in Südafrika?
"Es gibt auch eine der Popstar vergleichbare Show in Südafrika, die "Pop Idols" heisst, bei der sich Jugendliche durch Teilnahme an Castings bewerben können," berichtet Sipho Ndela. Die Show wurde allerdings nicht wie bei uns von einem anderen Popstar initiiert, sondern von Coca Cola. Weswegen Coca Cola das macht? Der nicht ganz uneigennützige Effekt dieser Art der Förderung, nämlich das Kreieren eines positiven Imagetransfers für Coca Cola sollte hier nicht unerwähnt bleiben.
Das Unternehmen geriet in die Schlagzeilen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern. In Südafrika kaufte sich der Konzern Anfang diesen Jahres in Südafrika die Saftmarke "Just Juice" und die Wassermarke "Valpre" für 13 Mio. US-Dollar in bar. Kein Problem für ein Unternehmen, das 2001 einen Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar erzielte.
Nicholas Nene führt weiter aus: "In unserem Land gibt es nicht nur Jugendliche, die tanzen sondern auch Schauspielen und Gedichte schreiben. Ich kann dir in unserem Township Soweto viele davon zeigen, die nur einen Sponsor bräuchten um weiterzukommen. Aber den haben sie nun mal (noch!) nicht, aber sie wollen auch nicht bei M-TV auftreten, sondern machen das in erster Linie für sich selbst. Auch wir machen Gumboots für uns selbst, sind mit uns zufrieden und dadurch können wir dem Publikum eine tolle Performance bieten."
Eine Nachahmerkultur gibt es dort auch, genauso wie in Deutschland. Es geht vielen um die Bewahrung ihres kulturellen Erbes, aber auch um materiellen Wohlstand. Nicht vergessen sollte man allerdings, dass Gumboots-Tänzer mit ihrem Verdienst oft eine 10-köpfige Familie ernähren. Der Erfolg von Gumboots hat ihnen geholfen, nicht nur ihren eigenen Lebensstandard zu verbessern, sondern den ihrer ganzen Sippe. Sipho Ndela: "Daher wollen viele südafrikanische Jugendliche natürlich auch reich und berühmt werden, damit sie ihrer Familie helfen können."
Um die Gumboots-Gruppe hat sich ein regelrechter Fan-Kult entwickelt. Ihre Verantwortung als Vorbilder nehmen die Tänzer allerdings sehr ernst.
Viele Jugendliche wollen von "ihren Helden" die "Gumboots"-Tanzschritte erlernen. Nicholas Nene versichert ihnen dann, dass er gerne dazu bereit ist aber betont, dass sie sich zuerst um die Schule kümmern müssen. Nach der Schule könne man dann gerne etwas im Jugendzentrum machen.
Eine wichtige Förderung des Nachwuchses findet in dem Thabisong Youth Club in Soweto statt, indem auch Sipho und Nicholas traditionelle afrikanische Tänze und natürlich auch das Gumboots Dancing beigebracht wurden. Den Jugendlichen wird hier vermittelt, was sie choreographisch besser machen und wie sie ihr an ihrer Bühnenpräsenz arbeiten können. Die Gumboots Tänzer, die in der Nähe wohnen, geben dort manchmal Unterricht - wenn sie nicht gerade auf Tournee sind. Gumboots gilt als eine der international erfolgreichsten und professionellsten Shows aus Südafrika. Daher fungiert Gumboots als Idol für die Jugendlichen, die zu den Tänzern aufschauen und sie bewundern. Die Gumboots-Tänzer können das gut verstehen, weil sie als Jugendliche auch Idole hatten, zu denen sie aufgeschaut haben als noch nicht berühmt waren.
Sipho Ndela: "Viele wollen wie ich sein, und das erste, was ich Jugendlichen beibringe, ist der gegenseitige Respekt voreinander". Er betreut eine Gruppe von 17-18 -jährigen. Als er anfing mit ihnen zu arbeiten waren sie etwa 10-11 Jahre alt und eiferten schon damals ihren Gumboots-Vorbildern nach. Jetzt tanzen sie hobbymässig Gumboots. Sie sind übrigens auch auf Tour, zuletzt in Frankreich. Sie nennen sich selbst übrigens "Warriors" - was ihre Stärke zum Ausdruck bringen soll. Ndela erlärt: "Ich bin stolz auf sie. Und sie auf mich, weil ich ihnen vieles beigebracht habe. Das ist auch eine wichtige Lebensphilosophie bei uns. Eines Tages bist du alt, aber davor kannst du anderen Menschen, Jugendlichen etwas von deinem Wissen weitergeben. Und die werden das dann wiederum an andere weitergeben. Etwas von Dir wird immer weiterleben."
Dave Tjiok

