Die Inflation unserer Generation
Aus Kritische Masse Wiki
Quelle: Der folgende Artikel ist im Februar 2004 in der kritischen Masse Nr.50 auf Seite 14 erschienen
Zur Situation nicht nur der grünen Bewegung
Die Inflation unserer Generation
Efeuumrankt durchstoßen die scharfkantigen Festungsmauern die grasbüschelbewachsene runde Hügelkuppe. Das Mauerwerk setzt sich wie ein Schneckenhaus nach innen fort, an den Ecken ragen verwitterte Erker und Türmchen wie Schwerter in das zerschnittene Himmelsblau, die Schnecke windet und wendet sich hellgrau durch das Innere der Festung, verzweigt sich, verästelt sich, wird immer unfassbarer, unorientierter, ein Labyrinth aus hartem Stein. Undurchdringlich, stünden nicht die Tore offen. Sperrangelweit offen, die Sonne strahlt hindurch und der Wind pfeift von Vordertor zu Hinterluke. Die Flaggen flattern in der Mitte im Wind, doch sonst ist keine Bewegung in der Festung. Alles steht still...
Die Bewohner schlafen. Seit Jahren. Niemand weiß, ob sie freiwillig schlafen, doch niemand weckt sie auf. Mit einem lieben, leidenschaftlichen, gefühlskräftigen Kuss - wachküssen - wäre dies einfach möglich, was jeder Mensch im Lande weiß. Von alleine wachte keiner bisher auf, die Burgbewohner schlafen ruhig und fest. Und die offenstehenden Tore hindern sie nicht an ihrer Seelenruhe, im Gegenteil. Jedes Ereignis, das draußen stattfindet und dessen Nachwirkungen bis in das Mauerlabyrinth der Festung vordringen und durch die Türen und Fenster in die Gemächer eintauchen, schläfern die Bewohner nur noch mehr in ihr Delirium. Und die Säle, Kabinette und Gemächer sind voll von Schlafenden, es kommen immer mehr dazu, sie schnarchen auf den Gängen, auf dem Stroh der Ställe, in den Katakomben und Verließen, in allen Ecken, wo es überdacht, warm und trocken ist und vor allen Dingen bequem. Und die Nachricht geht um im Lande, zieht von Dorf zu Dorf, in Scharen strömen sie in die Burg, wo sie bequem und ruhig schlafen können, wo es gemütlich ist, sie liegen dort wie angeschwemmte Wale im Sand der Bucht, sie legen sich schlafen, erschlaffen, jede Bewegung erstirbt schon beim Zucken der Fingerspitzen, keine Faust erhebt sich, noch nicht einmal einen Zentimeter. Und der Strom wird größer und breiter und dicker und er dringt von allen Seiten durch die Öffnungen in das Gemäuer ein, die Eingänge verstopfen, doch sie wollen alle schlafen, sie klettern auf die Schultern der anderen, drücken diese unter ihren festen Stiefeln nach unten, kraxeln übereinander bis zu den Rahmen der Türen, bis zum Bogen des Tores, klammern sich an lockeren Mauersteinen fest, hangeln sich an den hochgelassenen Stäben des Gitters, werden von hinten gedrängt von vorne blockiert. Sie streben nach Tiefschlaf und stecken wie ein Stopfen aus durcheinander gewucherten Menschen in den Eingängen der schlafenden Festung. Verstopft ist der Zugang zu den Schlafenden, der nicht als Ausgang dient. Die Schlupfmöglichkeiten werden immer enger, verschwinden mehr und mehr. Kein Durchkommen in die Festung der Schlafenden. Auch nicht für die Minderheit von Menschen, die mit dem Vorsatz aus allen Ecken des Landes anreisen, die Schlafenden wach zu küssen. Niemand hält sie zurück, die Leidenschaftlichen, Aufweckenden, Aufrüttelnden, Aufklärenden; niemand hindert sie daran, die vielen Menschen in der Festung wach zu küssen, die wiederum andere Menschen wachküssen, die auch wiederum andere Menschen wachküssen, die die Masse wieder in Bewegung bringen.
Doch es gibt keinen Zugang mehr zu den Massen der Schlafenden, zu den hellgrauen Windungen der Festung mit dem Namen Gehirn. Es strömt eine derartige Masse, eine derartige Fülle an Informationen, Reizen und Eindrücken in die Festung Gehirn, dass alle Aufnahmefähigkeiten überbelegt werden und alle Zugänge blockiert. Mit jedem Jahr, jedem Monat, jedem Tag, jeder Sekunde wird die Informationsfülle mehr. Bei der morgendlichen Fahrt zur Arbeit, zur Schule, zur Uni oder in den Konsumtempel - in der S-Bahn neben sich BILDenden Lesern - wird man an unzähligen Werbetafeln und Video-Beamern vorbeigeführt, in der Eingangshalle an einer Auslage mit Flyern, Veranstaltungsmagazinen, Stadtmagazinen.
Mit Laptop im Arm und Handy in der Jacke gehst du zwischen den dich psychedelisch anleuchtenden Schaufensterauslagen hindurch. Staunend betrittst du einen Zeitungskiosk, denn die dort anzutreffende Fülle wird trotz der Krise, die in den letzten Jahren die Medienbranche durchzogen hat, nicht weniger undurchdringlich. Es scheint, als seien vor allem jene Zeitungen vom finanziellen Kollaps bedroht, die sachliche Informationen und kritische Reflexionen bieten. Für Argumente, für Begründungen kontroverser, unbequemer Positionen bleibt zwischen Werbepops und Action-Headlinern keine Zeit mehr. Bergeweise kleine Häppchen an Informationen, Bonbons, Popcorn, Schokoriegel, Pommesstangen, Fast-Food der Mediengesellschaft. Die leicht verdauliche, aber inhaltsleere Häppchenkultur schlägt sich eben nicht allein in den Essgewohnheiten nieder und auch mediales Junk-Food degeneriert den Menschen zu einer antriebslosen Couch-Potatoe, die sich mit einem zunehmend virtuellen Umfeld austauscht.
Gibt es dabei nicht mehr Möglichkeiten als je zuvor, in der Gesellschaft aktiv zu werden? Wird einem nicht mehr Freiheit als jemals zuvor gewährt, sich frei Informationen zu beschaffen. Bei Wittwer sammeln sich in allen Nischen Buchstaben und Pixel: Lifestyle-Magazine, TV-Magazine, Reisemagazine, PC-Magazine, Männermagazine, Frauenmagazine, Heavy-Metal-Black Celtic-Tatoo-Magazine... Unzählige Subkulturen, Leserkreise, die sich umeinander kreisen und sich zigtausend mal dort schneiden, wo sie dich von zigtausend Seiten ansprechen, dich in ihre Richtung ziehen wollen und sich anbiedern: "Nimm mich!" Du musst nur genau genug hineinschauen, in jeder Zeitschrift, in jedem Medium, in jeder Musikkultur gibt es Elemente, die du mit dir vereinbaren kannst. In alle Richtungen kannst du dich bewegen, in alle Richtungen wirst du gezerrt - wohin sollst du dich zerren lassen? Desorientiert stehst du im informationsbeladenen Raum - dem Zeitschriftenkiosk wie auch dem Zeitgeist. Du bist ein Kind der modernen, nein besser: postmodernen Generation.
Was ist das für eine Generation, in der wir leben? Was hat unsere, was hat meine Generation mit der schlafenden Festung zu tun? Warum soll es ausgerechnet meine Generation sein, die schlafender, unbewegter, unkritischer, unpolitischer ist als die vorangegangenen? Vorurteile aus aristotelischer Zeit oder unbequeme Folgerung kritischer Beobachtung? Und vor allem: Was sind die Ursachen für unsere Desorientierung?
Oder ist dieses Bild der postmodernen Desorientierung, der "Entwertung aller Werte", der sich selbst narkotisierenden Festung, eine Selbstbemitleidung von jugendlichen Linksintellektuellen, die sich gerne ins Jahr 1968 zurückversetzen würden? Immerhin bieten die Anti-Irak-Kriegs-Bewegung und die Uni-Besetzungen doch einen Hoffnungsschimmer auf eine vielleicht bald aufgehende Sonne der Politisierung und der Aktivierung der Jugend, der Menschen für eine neue kulturelle Revolution. Oder ist dies auch nur ein durch Mode und Eigeninteresse genährtes Strohfeuer?
Fragen, die uns als junge Menschen ebenso in der Gesamtheit angehen wie die ökologischen und sozialen Probleme, die die Erde derzeit heimsuchen. Fragen, die nicht von einem einzelnen Schreiberling in einem noch so komplizierten Gedankenkonstrukt geklärt werden können. Fragen, die auf deine, ja, genau deine Antwort, auf deine zerfetzende Kritik warten. Ob sie aus drei Seiten oder nur einem Satz bestehen, nur wenn wir eine Masse kritischer Gedanken zu einer kritischen Zeitung vereinen, können wir Menschen in der Festung wachküssen, können wir mit der "kritischen Masse" zu einer kritischen Masse beitragen. Dein kritischer Beitrag verschwindet nicht in der Masse, sondern wird ebenso wie deine Person bei der KM von offenen Menschen begeistert aufgenommen. Also: Mut zum Schreiben! Mandus Craiss

