Frankreichs Riots

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Seite 3, Aktuelles


Riots in französischen Banlieues

Mediales Harakiri

Während sich in Frankreich der Segregation zum Opfer gefallenen Jugendliche erheben, rauscht es munter im europäischen Blätterwald: auf einmal waren die Aufstände da. Niemand sah sie kommen und erst recht kann sie niemand erklären. Die Nichtintegrierbarkeit ins allabendliche Unterhaltungsprogramm ist dabei größtes Problem. Von Lars Strojny

»Gesindel« und »Abschaum« nennt sie der französische Innenminister Sarkozy. Für ihn sind die Aufstände vor allem Aktionen vorbestrafter Jugendlicher. Das ihm dabei selbst der eigene Geheimdienst widerspricht, entlarvt seine Aussagen als das was sie sind: billige Hetze gegen Jugendliche, die zum größten Teil alles andere als kriminell sind. Unterschichten zu beschimpfen ist ja derzeitig ein weit verbreitetes Phänomen aber in dieser Härte an der Realität vorbeizusegeln, ist selbst für einen Innenminister, wo Realitätsvergessenheit ja zum Berufsbild gehört, ausgesprochen peinlich. Die Hofberichtserstatter sind da nicht besser: sie alle liefern keine sinnvollen Analysen, sondern üben sich fleißig in Fehlinterpretationen. Sie scheitern allesamt am Versuch, die Geschehnisse monokausal zu erklären. Der politische Islam sei schuld, sagen die Liberalen und Christen, die Überfremdung, die Rechten, der Rassismus, so die Linken. Sie alle haben eines gemeinsam: sie liegen einfach daneben. Wie bitte erklärt ein Linker Antirassist und leidenschaftlicher Multikulturalist Sprüche wie »Ramallah de Paris«? Wie lässt sich erweisen, dass der politische Islam erstinstanzlich ursächlich ist, für die Aufstände? Stürmten die Jugendlichen von den Moscheen auf die Straßen? Und was bitte hat dies alles mit Überfremdung zu tun. Die Geschehnisse nach dem Versagen der Offizialstrukturen auch noch politisch ausschlachten zu wollen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist im Prinzip aber vor allem eins: höchst unlauter.

Es gilt die Aufstände als das zu sehen was sie sind: eine Mischung aus unterschiedlichen Faktoren. Selbstverständlich spielt der politische Islam eine Rolle, er übernimmt teilweise eine integrale Funktion als Anbieter von Sozialleistungen. Überall dort, wo sich seine säkulare Konkurrenz in Form des Staates zurückzieht, entsteht ein Vakuum, das zu füllen radikale Kleriker gerne bereit sind. Auch ist nicht zu leugnen, dass Jugendliche afrikanischen Aussehens in Frankreich Opfer rassistischer Segregation sind und sich in den französischen Banlieues Parallelgesellschaften herausbilden.

Die Aufstände sind aber mehr: sie sind der berühmte Schrei nach Liebe. Die französische Gesellschaft hat dort versagt, wo es darum ging, die eigenen Einwanderer zu vollwertigen Bürgern, zu Citoyens zu machen. Es gilt also dies nachzuholen und den Migranten gesellschaftliche Teilhabe und Integration zu ermöglichen. Dabei wenig hilfreich ist eine Polizei, die brutalst gegen harmlose Jugendliche vorgeht und ein Innenminister, dessen Haluzinationen für jeden Psychater eine interessante wissenschaftliche Aufgabe darstellen würden.

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