Historie

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Studieren – zwischen funktionieren und protestieren

Momentan gibt es große Umbrüche im Bildungssystem und vieles wird danach einen sehr viel anderen Lauf nehmen als in der Vergangenheit. Und da es bekanntermaßen Sinn macht, »seine Vergangenheit zu kennen um seine Zukunft zu erkennen« und auch fundiert Kritik an den heutigen Geschehnissen zu üben, wollen wir eine Reise in die Geschichte der Universitäten, des Studierens und der Studierendeproteste machen – auf der Suche nach Antworten auf unsere Fragen. Von Mandus Craiss, Nina Ewers zum Rode und Stefanie Fritz


Eine Universität unterscheidet sich von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen hauptsächlich durch die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden (universitas magistrorum et scholarium). Das Recht zur Selbstverwaltung mit der Möglichkeit der eigenständigen Erstellung und Ausführung von Studienplänen und Forschungsvorhaben (Akademische Freiheit), sowie – zumindest im europäischen Kontext - das Privileg der Verleihung öffentlich anerkannter akademischer Grade (zum Beispiel Doktorgrad). Die durch den berühmten griechischen Philosophen Plato im antiken Athen gegründete Philosophenschule wird in der Regel als erste universitätsähnliche Einrichtung gesehen; auch in Alexandrien entstand mit der größten antiken Bibliothek eine Einrichtung mit dem Ziel, Wissen zu sammeln, zu erhalten und weiterzutragen. Neben 700000 Schriftrollen, die die Bibliothek in ihren Hochzeiten enthalten haben soll, wurden dort auch Forschungen z.B. zu Astronomie, Biologie, Philologie betrieben. Mehrfach wurde die Biblothek von Alexandrien zerstört, unter anderem 391 im Namen des Christentums und 642 im Namen des Islam. Gegen Ende des Altertums wird fast überall im abendländischen Raum ein Großteil des antiken Wissens zerstört. Während in Europa fast 1000 Jahre lang das Wissensmonopol allein bei den Klöstern und damit bei der Kirche lag, gab es im orientalischen Raum (auch dem damals muslimischen Spanien) sogenannte Madrasa, in denen neben Religion auch weltliche Wissenschaften weitergetragen wurden. Die ersten Universitäten entstanden im Hochmittelalter (z.B. 1065 Parma, 1170 Oxford, 1253 Paris, 1365 Wien), doch eine einigermaßen flächendeckende Verbreitung und damit einhergehende erste Durchbrechen des Wissenscmonopols der Kirche kam erst zur Zeit der Renaissance. Mit der Einrichtung der Berliner Universität im Jahre 1810 änderte sich das Verständnis von Lernen und das Humboldtsche Modell der Einheit von Forschung und Lehre setzte sich international durch. Es besagt, dass die Lehrkräfte zusätzlich zu ihrer Lehrtätigkeit auch Forschung betreiben sollen, damit das hohe Niveau der Lehre erhalten bleibt und den Studierenden wissenschaftliche Qualifikationen besser vermittelt werden können – die Erkenntnis, dass Weiterentwickeln des Wissens für dessen langfristigen Erhalt nötig ist, setzt sich durch. Doch selbst zu dieser Zeit war es noch selbstverständlich, dass nur Männer studieren durften, erst mit dem Aufkommen der ersten Frauenbewegungen Mitte des 19. Jahrhunderts begann ganz langsam die Öffnung der Hochschulen für die Frauen. Vorreiter waren 1849 das »Frauencollege London« und 1863 die Universität Zürich. Dass nebenbei an den Universitäten ein sehr strenger und distanzierter Verhaltenskodex herrschte, der sich z.B. durch Kleiderordungen und die »Sie«-Anrede selbst unter den Studierenden ausdrückte, änderte sich sogar erst in den 60er Jahren mit der kulturellen Revolution (Der Spruch »Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren« kam nicht von ungefähr.). In der Folge der 68er-Bewegung, die jedoch weit über eine reine Studentenbewegung hinaus ging, wurden den Studenten auch erste Mitspracherechte an den Universitäten eingeräumt, allgemeine Studierenden-Ausschüsse (Asten) und Fachschaften gegründet.

Da durch den Zugang zu Bildung auch ein Überblicken gesellschaftlicher und politischer Strukturen ermöglicht wird – und damit auch das Wahrnehmen der immanenten Ungerechtigkeiten – verwundert es wenig, dass Studenten überall auf dem Planeten zu den Gesellschaftsschichten gehören, wo radikale Gesellschaftskritik und Widerstand gegen die Herrschenden durch politische Bewegungen besonders häufig zu finden sind. Oftmals werden Systemwechsel zunächst von Studentenprotesten eingeleitet, z.B. in Indonesien der Sturz der Suharto-Diktatur 1998.

Nach 1968 gab es auch in Deutschland weitere Studentenproteste, z.B. 1988 der sogenannte »UniMut«-Streik, in dessen Zuge die Freie Universität Berlin fast ein ganzes Semester lang von Besetzungsräten verwaltet wurde, zahlreiche Institute umgenannt wurden und als Folge u.a. studentisch verwaltete Projekttutorien eingeführt wurden. Die ersten Proteste mit den aktuellen Inhalten Bachelor/Master-Umstellung und Studiengebühren v.a. und damit den Beginn der aktuellen Studentenbewegung (Ein Begriff, der meistens erst im Nachhinein gegeben wird – ich wage ihn einfach mal jetzt schon...) gab es 2003, wovon vor allem das Motto »Spar Wars« und die Nacktaktionen unter dem Motto »Uns wird das letzte Hemd geraubt« in Erinnerung blieben. In deren Zuge gab es auch einen der größten direkten Erfolge der aktuellen Proteste: Nach wochenlangen Interventionen von Studierenden auf PDS Versammlungen stimmten 3/4 aller Delegierten des Berliner PDS Parteitags gegen das Studienkontenmodell ihres eigenen Wissenschaftssenators – womit das Thema Studiengebühren in Berlin wenigstens bis zu den nächsten Wahlen vom Tisch ist.

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