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== FERTIG, aber noch nicht redigiert: Erlebnisbericht vom Intercontinentalen Treffen bei den Zapatistas der EZLN ==


By: Momo (bitte nicht meinen richtigen Namen drucken!) 19. Juni 2007. Mexiko, Chiapas. Nach unserer Ankunft in Tuxtla Gutiérrez kamen wir gleich an einer Kollone von vermummten Zapatistas vorbei, die von Polizeiwägen umringt waren. Laut Taxifahrer hatten die Zapas vor, aus Protest gegen die Repression die Straße zu blockieren.

Die Auftaktveranstaltung zum 2. Encuentro de los Pueblos Zapatistas con los Pueblos del Mundo (Treffen der zapatistischen Gemeinden mit den Gemeinschaften der Welt) fand im CIDECI, einer autonomen Indígena-"Universität", statt. (In dieser Uni wird alles Mögliche gelehrt - von ökologischer Landwirtschaft/Permakultur, über Handwerkliches und Musik bis hin zu Politik und Philosophie. Die AbsolventInnen tragen das Erlernte in ihre Dörfer...)

Dort konnte man sich für den Encuentro registrieren. (Keine Teilnahmegebühr!) Die Anmeldung haben Kinder durchgeführt. Ein Junge von ca. 12 Jahren beantwortete ganz souverän Fragen zur Infrastruktur des Encuentros und ein kleines Mädchen händigte die schicken "Zapatista-Treffen-Ausweise" aus.

Zu der Auftaktveranstaltung waren Gäste von Bauernorganisationen aus Brasilien, USA, Indien und Korea eingeladen, die von den sozialen Kämpfen aus ihren Ländern berichteten. Die Essenz: Vernetzung von den Sektoren und Ländern ist wichtig, da der "gemeinsame Feind das neoliberale System" ist. Kooperation zwischen verschiedenen Bewegungen geschieht allerorts zunehmend. Darum wird es auch die nächsten 9 Tage gehen. Ein Bisschen Sozial-Forums-Flair mit einem Schwung Revolutionsromantik...


Das 2. "Treffen der zapatistischen Gemeinden mit den Gemeinschaften der Welt"

Der Encuentro war ein super motivierendes Ereignis: So viele Menschen von überall her zu treffen, die alle für eine bessere Welt kämpfen... Ca. 2400 Menschen aus allen Kontinenten (sogar Neuseeland), ausser Afrika, haben sich bis jetzt registriert. Aus allen Ländern Europas und Lateinamerikas und aus vielen US-Staaten. Hinzu kommen mindestens so viele indigene Zapatistas aus Chiapas.

Die ersten Tage fanden im Caracol (zapatistisches Verwaltungszentrum) Oventic statt. Es liegt im chiapanekischen Hochland, hoch oben auf einem Berg bzw. am steilen Hang. Eine im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Aussicht... Durch den Regen ist der Hang eine Schlammlawiene geworden. Ein Wunder, dass die indigenen Frauen in ihren billigen Sandalen nicht ausrutschen, während wir in unseren Wanderstiefeln schon echte Probleme haben. (Schon am zweiten Tag steht meine einzige Hose vor getrocknetem Matsch. Alle internationalen TeilnehmerInnen sind ähnlich schmuddelig. Nur die Indígenas schaffen es auf wundersame Weise, ihre schönen Trachten pickobello sauber zu halten. Von wegen "stinkende Indios" - Stinkende Europäer!).


"Marcos Superstar"? Obwohl sich der berühmt berüchtigte Subcomandante Marcos sehr im Hintergrund hielt, war der Personenkult um ihn schwer zu leugnen. Als er auf die Bühne kam, um eine Grussbotschaft eines anderen indigenen Stammes aus dem Norden Mexikos zu verlesen, liessen die Indígenas alles stehen und liegen (die Menschen an den Essensausgaben liessen sie einfach warten) und stürmten in Richtung Bühne. Sie scheinen ihren Sub wirklich zu lieben!

Am Sonntag morgen um halb sieben erschallte die Zapatista-Hymne über den Platz und um neun ging es los in einer grossen Karawane von unzähligen Pickups und Vietransportern (die ueblichen Verkehrsmittel der Indígenas) in Richtung Morelia. Das war ein echtes Erlebnis mit Guerrilla-Feeling! Obwohl die sechsstündige Fahrt (im Kuhmist stehend, an den Gitterstäben festhaltend) durch die kurvigen Berge für uns recht spassig war, muss es für Tiere schrecklich sein. Auch fuer die Indígenas, welche nie in einem modernen Reisebus fahren, ist das ein entwuerdigendes Transportmittel. Ein Sinnbild dafuer, dass sie hier wie Tiere behandelt werden. Genau wie auf die Tiere, wird hier keine grosse Ruecksicht auf sie genommen.


Zweite Station: Caracol Morelia

Im Caracol Morelia schien es nicht weniger idyllisch zu sein. Hier haben sie sogar Wasserleitungen. Allerdings kam aus den Hähnen nur ab und zu mal sporadisch etwas raus (trotz Regenzeit). Die umliegenden Dörfer sind nicht rein zapatistisch. Deshalb bewachte die Guerrilla den Versammlungsplatz rund um die Uhr, um die Veranstaltung vor feindlichen Nachbarn zu schützen. Ein sehr seltsames Gefühl. Hier haben die EZLN-KämpferINNEN sogar eine Uniform: Grünes Hemd, braune Hose, Pasamontaña, ausgestattet mit Schlagstöcken, Machete und Taschenlampe. (Die Schusswaffen haben sie irgendwo im Urwald versteckt).

Plötzlich umstellten sie den Zuschauerraum. Hinter der Bühne warteten zig Kameras auf den Sub. Ich fragte: “Was ist denn hier los?” Die Antwort: “Er kommt.” “Wer?”, fragte ich, obwohl ich weiss, dass es sich nur um Marcos handeln kann. Zwar sagen alle, dass sie den Sub gar nicht wichtig finden und sie Heldentum doof finden, aber trotzdem will ihn jedeR hören und sehen.

Guerilla-Disziplin ist angesagt: Jeden Morgen und Fünf Uhr frueh mussten wir den Schlafsaal räumen und die Stühle wieder rein tragen, damit die Podien beginnen konnten. Geweckt wurden wir immer von der Zapatistahymne, die durch die Lautsprecher erschallte. Für die Zapatistas schien diese Uhrzeit völlig normal zu sein. Schliesslich stehen sie sonst schon um vier Uhr morgens auf.

Partizipation der Frauen. Durchgehend waren viele Frauen (Comandantas und Delegierte aus den zivilen Unterstützungsbasen) auf den Podien. Sie erklärten: „Viele Frauen sprechen kein Spanisch. Deshalb können sie sich uns nicht mitteilen, was sie machen, aber sie kämpfen.“ Das Radio Insurgente (der Zapas) sei sehr wichtig, damit die Frauen ihre Rechte erfahren und um sie zu ermutigen. Außerdem, „damit die Zapas in ihren Häusern tanzen können“.

Zapatistische Reden. Die Zapatistas sind alle (ausser Marcos) nicht besonders in Rethorik geschult. Aber ihre ehrliche, schüchterne und gleichzeitig würdevolle Art zu reden (bzw. Die Papiere vorzulesen, welche die Gemeinschaft verfasst hat) ist so liebenswürdig, dass man ihnen ewig zuhören kann. Z.B. scheint es für sie ganz wichtig zu sein, jede Rede mit einer Begrüssung in Form einer ausführlichen Aufzählung aller Anwesenden zu beginnen: „Die GenossInnen, SymphatisantInnen, Internacionalistas, Unterstützungsbasen, die Kinder und Jugendlichen, Alten,... und die Presse“. Immer wird die weibliche und männliche Form genannt. Anschliessend erklaerten sie, wie in den verschiedenen Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Kooperativen und Rechtsprechung ihre indigene Autonomie funktioniert.

Fiesta. Jede Nacht spielten Bauern-Bands Marimba und alle schwangen das Tanzbein. Obwohl das strikte Alkoholverbot der Zapas allgemein eingehalten wurde, war die Stimmung immer sehr ausgelassen. Ihr Schunkel-Paartanz ist zwar für meinen Geschmack etwas langweilig, aber immerhin kann man sich dabei gut unterhalten. (Irritierend ist nur, dass man dabei ihr Gesicht unter der Skimütze nicht sehen kann.) Ein maskierter Tanzpartner in La Realidad hat mir z.B. erzählt, dass er 8 Stunden durch den Dschungel LAUFEN musste, um von seinem Dorf zum Encuentro zu kommen. Gelegentlich bildet sich zwischen den MarimbataenzerInnen ein pogo-tanzender Punkerhaufen.


Die Fahrt in das dritte Caracol:

“La Realidad” - im lakandonischen Regenwald, im Süden von Chiapas (dort, wo die EZLN 1987 gegruendet wurde).

Um 6 wurden wir aus den Hängematten geschmissen. Um 8 sollte es los gehen. Von 10 bis 14 uhr standen wir abfahrtbereit auf der Strasse in der prallen Mittagssonne. Es waren zu wenig Pickups für zu viele Menschen. Als endlich alle sich in bzw. auf die Fahrzeuge gestoppft hatten, ging die Karawane los. Wir sassen auf der Gepäckablage über dem Fahrerhäuschen. Andere auf den Dachgitterstäben. Das ist eine tolle Art zu reisen. Zwar sehr unbequem, aber man fühlt sich frei, als ob man fliegt. Ein Mexikaner sang ununterbrochen fröhliche Lieder. Immer wieder rief jemensch "Achtung Ast", oder "Vorsicht Stromleitung", dann mussten wir uns ducken. In jeder Kurve schwankte der Pickup gefährlich. Er war nicht für 30 Menschen mit Gepäck gebaut. Der Motor versagte zwischendurch ein bisshen. Unterwegs kamen wir durch viele Dörfer und Kleinstädte. Die AnwohnerInnen standen an den Straßenrändern und winkten. Ein Polizist in zivil verfolgte und filmte uns.

Die grünen Berge und Täler wurden immer dschungeliger und dünnbesiedelter. Wir waren im Lakandonen-Urwald. Am Straßenrand stand ein großer Polizeibus, drumm herum Poliziten mit Maschienengewehren in den Händen. (Anscheinend um uns einzuschuechtern.)

Auf der Straße lagen immer wieder Felsbrocken, die anscheinend vom Hang abgerutscht waren. Dichte Nebelwolken zogen auf. Es wurde dunkel. Zwei unserer Reifen waren geplatzt. Ein anderes Fahrzeug hatte den Geist aufgegeben und seine Insassen mussten sich auf die anderen Wägen verteilen. Zwischendurch mussten wir aussteigen, schieben und ein Stück zu Fuß gehen. Die "Straße" war nur noch ein vollkommen unebener Schotterweg. Unser Pickup knarrtr gefährlich und drohte bei jedem Schlagloch umzukippen. Dann sind wir zum Bach am Wegrand hinuntergerutscht. Wir mussten alle schnell abspringen und von der anderen Seite das Gefährt rausziehen.

Als naechstes war unser Reifen gebrochen. Wir sassen mitten in der Nacht mitten im Regenwald fest; es regnete, blitzte und donnerte. Es hatte den Flair von Dschungel-Safrari. Reste an Wasser und Essen wurden geteilt. Die Atmosphäre war noch solidarisch. Der Himmel lichtete sich und unzählige Sterne wurden sichtbar. Auch im Wald glitzerten Sterne, nein Glühwürmchen. Irgendwann gaben wir es auf, von einem anderen Wagen abgeholt zu werden. Wir schlugen ein provisorisches Lager auf dem Schotterweg auf. Als ich gerade am einschlummern war, kam endlich ein Pickup. Morgens um sieben kamen wir nach 21 Stunden Viehtransporter in La Realidad an. Die Podiumsvorträge begannen über den Platz zu schallen...

In der Abschlussrede am neunten und letzten Tag verlas eine Melizin der EZLN die Einladung zum dritten Encuentro dieser Art vom 28.12.07 – 1.1.08 im Caracol La Garrucha. Bei diesem Treffen soll es allerdings ausschliesslich um die zapatistischen Frauen gehen. Nur sie werden Rederecht haben. Auf diese Weise sollen mehr Frauen aus der Basis die Moeglichkeit bekommen, aktiv an dem Treffen teilnehmen zu koennen und gehoert zu werden. Der naechste Encuentro ist der verstorbenen Comandanta Ramona gewidmet und traegt ihren Namen. Bleibt abzuwarten, wie viele Maenner aus den zapatistischen Gemeinden ihren Frauen fuer ein paar Tage die Hausarbeit abnehmen, damit diese zum Treffen kommen koennen.


Wer sich fuer die Inhalte der Podien und mehr Details interressiert, kann die Protokolle der Vortraege auf www.de.indymedia.org auf deutsch, oder auf http://zeztainternazional.ezln.org.mx/ auf Spanisch nachlesen.


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