Leben ohne Geld (Azza)

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Der folgende Artikel erschien in der KM 54 im April 2005 auf Seite 15 in der Rubrik 'übeLEBENs-techniken

Contents

Leben ohne Geld... Aber mit Alternativen

für alle Fans von „Hans im Glück“ ...

„Das Leben ist zu teuer!“, höre ich immer. Aber das stimmt nur, wenn man sich vom Geld abhängig macht, sage ich. Man kann sich zum Beispiel bei jeder Sache, die man kaufen will, fragen: Brauche ich das wirklich? Ganz schnell wird man merken, dass man sich sehr viel Überflüssiges kauft, viel mehr Kleider zum Beispiel, als man tatsächlich bräuchte. Kuck doch, wie Du mit weniger Geld Dein Leben trotzdem besser genießen könntest. Musst du zum Beispiel wirklich 5 Bier in einer Kneipe trinken? Kann man nicht einfach Spaß mit Freunden haben, ohne Geld auszugeben? Muss man mit einer organisierten Reise ins Ausland fliegen und dort im Hotel bleiben? Ist nicht die Reise mit Rucksack und Schlafsack mit Freunden interessanter und aufregender?

Muss man sein Leben lang dem Geld hinterherrennen, sich dem Rhythmus des Geldes unterwerfen und sich damit dem Stress opfern, so dass keine Zeit mehr bleibt, vom Wohlstand zu profitieren und das Leben zu genießen? Rennen, um Geld zu akkumulieren - und um den Schrank mit Sachen zu füllen, für deren Herstellung Millionen Kinder in armen Ländern ausgebeutet werden. Sachen, die nicht benutzt, weggeworfen oder einfach im Schrank liegen gelassen werden. Und das, während Tausende vor Armut sterben?

Hier sind einige Alternativen zu einem individuellen und kollektiven Leben ohne Geld


Individuelle Initiativen/ Methoden, ohne Geld zu Leben

Es gibt radikale Methoden, OHNE Geld zu leben, indem man einfach auf die Dinge und Orte zurückgreift, die nicht benutzt werden. Was braucht man zum Leben? Zum Beispiel Essen: Es gibt genug in Containern von Großmärkten oder man kann nach Resten von Obst und Gemüse fragen, die auf Märkten oder von Bäckereien weggeworfen werden. Zum Beispiel Wohnung? Hausbesetzen, Bauwagen oder Dienst gegen Kost und Logis sind eine Lösung. Fahren? Trampen Unterschiedliche Objekte? Es gibt genug im Sperrmüll.

Es gibt aber auch noch andere Methoden als der, von Müll zu leben. Heidemarie Schwermer, 60, arbeitete in Dortmund als Psychotherapeutin, bevor sie 1996 beschloss, ihr Leben zu ändern. Sie verschenkte ihr Gespartes und ihren gesamten Besitz, kündigte die Wohnung und Krankenversicherung und lebte seither freiwillig ohne Geld. "Aber ich bin reicher als je zuvor", sagt sie. "Ich habe meinen Weg gefunden, glücklich zu sein - ohne Konsum und ohne Zwänge." Stattdessen tauscht sie ihre Dienstleistungen gegen Essen, einen Schlafplatz oder Kleidung. "Was ich brauche, ertausche ich mir.“, ist ihr Motto. "Ich wollte die Welt verändern, die Unterschiede zwischen Arm und Reich und die Isolation der Menschen abschaffen" Die Idee zum Leben ohne Geld kam ihr 1994 durch ein kanadisches Tauschprojekt. Von dem gegenseitigen Geben und Nehmen ohne Geld war sie so begeistert, dass sie in Dortmund den Tauschring "Gib und nimm" gründete. Durch das Tauschen und Teilen braucht sie seitdem weniger Geld zum Leben und lernt dabei auch noch neue und interessante Leute kennen. Denn ohne Kontakte funktioniert nichts. "Mein Leben ist intensiver geworden. Durch meine Tauschgeschäfte lerne ich viele Menschen kennen, denn ohne Geld werden Kontakte überlebenswichtig", sagt sie. "Ich bin oft unterwegs und tue nur das, was ich tun möchte. Ich fühle mich unglaublich frei."

Diese Frau verzichtet freiwillig auf Geld und ist damit glücklich. Heidemarie kann sich ohne Geld weiterhelfen, aber das gilt leider nicht für die ganze Gesellschaft: Dazu bedarf es vieler Heidemaries auf dieser Welt. Mann kann nicht zu armen Leuten sagen: „Ihr seid glücklich, denn Ihr habt kein Geld!“ In einem Tauschsystem, das auf Geld basiert, ist es schwierig, sich all das zu leisten, was man braucht, und glücklich zu sein, wenn man nichts davon hat und alleine ist. Man kann z.B. nicht auf die Uni gehen (mit Ausnahmen wie die FU Berlin) oder für seine Gesundheit sorgen. Dazu bedarf es der Bildung von Netzwerken, in denen Alternativen entwickelt und gelebt werden können. Dieses Geben und Nehmen ist das Fundament für eine neue Welt des Teilens, für das Überwinden von Schranken, für eine Begegnung von Mensch zu Mensch.


Weltweite solidarische Netzwerke ohne Geld

Oft sind es Krisensituationen, in denen Formen der Solidarität entstehen. Ein Beispiel dafür ist eine Initiative einer kleinen Gruppe in einem Vorort von Buenos Aires, die sich 1995 gegründet hat. Besorgt über die hohe Arbeitslosigkeit, die Ausbreitung der Armut und den ökologischen Problemen in ihrem Stadtteil entschied sich eine Gruppe von Ökologen, sich jeden Samstagnachmittag zu treffen, um die anwohnende Bevölkerung über sinnvolle Maßnahmen zur Trennung von Müll und dessen effizienter Wiederverwendung im Haus zu unterrichten. Ebenso initiierten sie den subsistentiellen Anbau von Obst und Gemüse. Die Leute tauschten Nahrung, Kleidung und handwerkliche Dienstleistungen, direkt und ohne Geld. Schnell haben sich ihre Ideen und Methoden weiterentwickelt: ein Zahnarzt leistete beispielsweise seine Dienste im Tausch gegen Brot.

Das System ist schnell expandiert und wurde zu einem globalen „Multireziprok“-Netzwerk, an dem schätzungsweise zwischen 3 und 5 Millionen Menschen allein in Argentinien teilnehmen. Das System hat sich bereits nach Brasilien, Uruguay, Bolivien, Ecuador und Kolumbien ausgebreitet. Mittlerweile hat sich eine alternative Währung etabliert, die „Creditos“.

Ein anderes Beispiel ist das „Local Exchange Trade System“ (LETS), das in den 80er Jahren in kanadischen Hippie-Kommunen entstand. Seitdem haben viele Bauern von Indien bis Japan das System übernommen. Allein in Frankreich gibt es mehr als 300 LETS-Netwerke …

Bestimmt gibt es auch in Deiner Nähe solche oder ähnliche Netzwerke. Wenn nicht, so liegt es an Dir, eines zu gründen.

Deshalb: Selbstzufriedenheit hängt natürlich von unterschiedlichen persönlichen Zielsetzungen und Geschmäckern ab … Am besten erreicht man Selbstzufriedenheit und ein erfülltes Leben ohne äußere materielle Zwänge. Leben ohne bzw. mit nur einem Minimum an Geld heißt nicht, am Bettelstab zu hängen, sondern in der Gemeinschaft Alternativen zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben zu finden.

Azza Challouf

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