Procter & Gamble
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Konzern-De-Konstrukte (5)
Procter & Gamble
Der versteckte Gigant
Zu ihm gehören die Lebensmittelmarken Punica, Pringels und Wick, eine breite Palette an Kosmetikartikeln von Always, Blend-a-med, Bounty-Kosmetik, Ellen Betrix, Helmut Lang, Hugo Boss, Laura Biagiotti, Oil of Olaz, Pampers, Pantene-Pro-V, Tempo und Wella, bis zu Reinigungsmitteln wie Ariel, Dash, Fairy, Lenor, Meister Proper, Febreze und Vizir sowie viele andere Marken, die uns in der Fernsehwerbung ihre Strahlegesichter entgegen strecken. Die weniger rühmliche Seite sind Ausbeutung und Kinderarbeit in der Rohstoffgewinnung (vor allem für die Orangensaftproduktion in Brasilien), Produktion in der Militärdiktatur Myanmar (früher Burma), die wegen geschätzter 8 Millionen Zwangsarbeiter 1999 aus der Internationalen Arbeiter-Organisation ILO ausgeschlossen wurde, Umweltverschmutzung zum Beispiel durch ein Leck in einer irischen Produktionsanlage für Oil of Olaz 1996, grausame Tierversuche an Hunden und Katzen ausgerechnet für die Tierfuttermarke Iams und ganz aktuell die Zerstörung von Regenwald und die Unterdrückung von Naturvölkern in Brasilien für die Traditionsmarke „Tempo“.
Dass die Drähte für all diese Verbrechen bei „Procter & Gamble“ zusammenlaufen, wissen nur wenige Verbraucher, da das sogenannte „Brand-Management“ zu den Hauptstrategien des Konzerns gehört. Brand-Marketing bedeutet, seine gesamte Werbung nur über vergleichsweise anonyme Verkaufsmarken und niemals über den Konzern selbst laufen zu lassen. Eine Strategie, die weltweit Schule gemacht hat (Nestle, Unilever,...) und von Procter & Gamble hauptsächlich entwickelt wurde. Gegründet 1837 von dem englischen Kerzendreher William Procter und dem irischen Seifensieder James Gamble mit Hauptsitz in Cincinnati (Ohio, USA), 1890 von der Familienfirma zur Kapitalgesellschaft umgewandelt, beginnt Procter & Gamble schon früh mit der Entwicklung neuer Werbestrategien; die wichtigste ist dabei wohl die Entwicklung der „soap operas“ (Seifenopern) zunächst im Radio und später im Fernsehen. 1939 produzierte Procter & Gamble mit 22 über ein Drittel der Radio-Soaps. Auch die längste Soap weltweit, die „Springfield Story“, die im Radio begann und im Fernsehen weiterging, ist eine Procter & Gamble-Produktion. Nicht mehr schwierig ist damit der Ursprung des Begriffs Seifenoper zu erraten, da die Serien vor allem von Waschmittel- & Hygienekonzernen wie Procter & Gamble produziert wurden mit der Strategie, durch Sendezeit und Aufmachung vor allem Hausfrauen für die dazwischen liegenden Werbeblöcke zu erreichen und durch die tägliche Ausstrahlung gehirnwäsche-artig für die Produkte zu sensibilisieren (und als günstigen Nebeneffekt noch in der Sendung selbst einen den entsprechenden Konsum anheizenden Lebensstil vorzuleben). Eine Strategie, die aufging: Heute ist der Konzern ein weltweit agierender „Global Player“ mit über 300 Marken, die in 140 Ländern verkauft und nach Konzernangaben 2 Milliarden mal pro Tag irgendwo auf der Welt benutzt werden; mit über 100 000 Mitarbeitern erwirbt P&G einen Umsatz von 43,2 Milliarden Euro und einen Gewinn von 4,1 Milliarden Euro (Zahlen von 2002). Einer der überdurchschnittlichen Absatzmärkte ist dabei Deutschland, wo P&G 20 % seines jährlichen Umsatzes einfährt – von oft unwissenden Konsumenten. Als ich selbst nach dem Kauf von Wick-Hustenbonbons von einem Freund auf die Herkunft und die Verwickelungen in Tierversuche hingewiesen wurde, gab ich sie originalverpackt zurück (was möglich ist!) und nahm das Angebot der Filialleiterin an, eine Stellungnahme einzuholen. Überraschend schnell lag nach wenigen Tagen ein Brief auf dem Schreibtisch im KM-Büro, der immerhin 4 Seiten wasserzeichendurchwobenes Papier füllte. Nach dem Öffnen des Briefes wird schnell klar, dass P&G hier eine Chance zum „green wash“ genutzt hat und auf wasserzeichendurchwobenem Papier einen Brief verschickte, der wohl als Reaktion auf die 1999 begonne PETA-Kampagne gegen P&G von den Marketing-Strategen aufgesetzt wurde. Damals gab es einen Aufschrei der Öffentlichkeit, nachdem verdeckte Ermittler Bilder und Berichte aus den Labors nach außen gebracht haben, in denen unter anderem Hunden die Stimmbänder herausoperiert werden, um die gequälten Schreie nicht mehr zu hören. In ihrem Brief gehen P&G nicht auf diese Vorwürfe ein, sondern setzen vor allem auf die mehrfache Wiederholung von Behauptungen wie dass sie bei der Entwicklung alternativer Testmethoden eine führende Rolle spielten und sich bei Behörden und Forschungseinrichtungen für die Förderung von Alternativen einsetzen würden. Unter anderem sprechen sie von „160 Millionen Euro, die in den letzten Jahren in die Entwicklung und Prüfung von mehr als 50 alternativen Testmethoden ohne den Einsatz von Tieren investiert“ worden wären, wobei weder der konkrete Zeitraum angegeben wird, noch, ob diese Entwicklungen nicht ohnehin (tierversuchsfrei) angefallen wären. Dafür hat mich ihr in Bezug auf ihren vorgeblichen Einsatz gegen Tierversuchsvorschriften bezogene Satz „Wir arbeiten weltweit mit Behörden zusammen“ in eine ganz andere Richtung aufschrecken lassen. In der Tat sitzt Procter & Gamble in außerordentlich vielen großen Lobby-Organisationen wie USCIB, WBCSD, CEFIC, ACC, BRT, EuropaBio und ICC. Lobbys, die auch ohne Bestechung funktionieren, indem sie Regierungen durch „Experten“ bei der Formulierung von Gesetzespaketen „helfen“, allerdings eher zur Abschaffung von Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards als zur Abschaffung von Tierversuchen. Derzeit steht Procter&Gamble vor allem wegen des sogenannten „Tempo-Kriegs“ in Brasilien in den Schlagzeilen. Die Umweltorganisation Robin Wood konnte 2005 dokumentieren, dass der im deutschen Tempo-Werk in Neuss verarbeitete Zellstoff vom brasilianischen Zellstoff-Konzern Aracruz stammt. Dieser wurde in den 70ern unter der brasilianischen Militärdiktatur groß, von welcher er günstig große Flächen Regenwald aufkaufte und abholzte, die dort ansässigen Indianer vertrieb und Eukalyptus-Plantagen anbaute. Da gebleichter Eukalyptus-Zellstoff als besonders weich und sanft gilt, wird er vor allem von der Hygienepapier-Industrie abgenommen, jedoch entziehen Eukalyptus-Pflanzen den Böden große Mengen an Wasser und Nährstoffen, vor allem in „Grüne Wüsten“ genannten Monokulturen, wie Aracruz diese anbaut. Für die Bewässerung wurde der Grundwasserspiegel gesenkt, damit Trockenheiten ausgelöst und die verbleibenden Gewässer von den Chemikalien in den Zellstoff-Fabriken verschmutzt. Während Aracruz mit 380 000 Hektar Eukalyptus-Plantagen zum weltweit größten Hersteller für gebleichten Eukalyptus-Zellstoff gewachsen ist, hat sich in der brasilianischen Gesetzeslage zumindest ein wenig Gutes für die Indianer entwickelt: Ethnologen der offiziellen Indianerbehörde FUNAI ermittelten, dass den von Aracruz vertriebenen Stämmen der Guarani und Tupinikim 18 000 Hektar Land zustehen, die Aracruz jedoch trotz der gesetzlichen Anerkennung nach wie vor nicht an die Indianer abtreten will. Daher besetzten Indianer im Mai 2005 ein 11 000 Hektar großes Gebiet, rodeten die „Grüne Wüste“ und wandelten es zu ihrem Ackerland um. Zeitgleich begannen die ersten Protestaktionen von Robin Wood in Europa. Der Konflikt eskalierte, als bei einer nicht richterlich genehmigten Polizeiaktion am 20. Januar diesen Jahres alle Indianer aus dem friedlich besetzten Gebiet vertrieben, ihre Häuser von Bulldozern eingerissen und dann verbrannt und die Indianer vom Hubschrauber gejagt und mit Gummigeschossen beschossen wurden. 13 Indianer wurden bei dieser Aktion zum Teil schwer verletzt. In einer Stellungnahme spricht P&G auf die bereits bekannte Greenwash-Art von einem „sehr komplexen Landrechtsstreit“ und hoffen auf eine Lösung durch „verfassungskonforme Verfahren“, wozu sie durch „sorgfältiges Verfolgen der Vorgänge“ beitragen wollen. Auf die schlimmen Zustände bei seinem Rohstoff-Lieferanten Aracruz wird weder eingegangen, geschweige denn eine Beendigung der Zusammenarbeit angekündigt. Deshalb gehen die Proteste weiter – und diesmal kannst auch Du einen Teil dazu beitragen. Achte beim Einkauf auf die Herkunft der Produkte – es gibt Alternativen zu P&G, auch wenn diese nicht so aus der Werbung bekannt sind. Kaufe Recycling-Taschentücher mit dem „Blauen Engel“ oder benutze Stofftaschentücher. Unterschreibe eine der Unterschriftenlisten unter www.robin-wood.de oder www.regenwald.org. Außerdem hat Robin Wood seiner diesjährigen Flosstour, die am 11. 8. in Heidelberg startet und mit vielen Aktionen Neckar und Rhein hinab führt bis sie am 6. September in Düsseldorf endet, das Motto „Wir haben die Nase voll! Stoppt Landraub und Umweltzerstörung für Tempo!“ gegeben. Wer mitfahren, dabei direkt öffentlich auf Probleme und Projekte (nicht nur auf Tempo und P&G beschränkt) aufmerksam machen will und eine Menge toller Menschen kennenlernen will, kann sich über www.flosstour.de mit Robin Wood in Verbindung setzen.
Mandus Craiss
Mehr:
Klaus Werner / Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen, Deuticke Verlag 2003
Zum Tempo-Krieg www.robin-wood.de www.regenwald.org
zwischenüberschriften: Daher kommen Seifenopern
Tierversuche und personalisiertes Greenwashing
Der Tempo-Krieg

