Rettet die Kartoffeln

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Rettet die Kartoffeln!

Die in der Öko-Bewegung doch ziemlich einheitliche Meinung zum Thema Ernährung: „Vegetarisch ist cool, Bio-Fleisch ist okay und Vegan zu extrem!“ wurde auch in der vorletzten KM-Ausgabe dargestellt und mit Halbwahrheiten oder sogar Unwahrheiten hinterlegt, obwohl die AutorInnen versuchen, neutral zu klingen. Die typische „alles hat seine Vor- und Nachteile“-Einleitung täuscht auch nicht darüber hinweg, dass es ein fieser Anti-Vegan-Artikel war. Für alle, die sich nicht nur eine und dazu noch rostige Seite der veganen Medaille sehen wollen und für die, die allgemein über Veganismus etwas erfahren wollen gibt es diesen Artikel.

Vegan ist mir zu extrem

Vielen ist das vegane Leben auf den ersten Blick zu extrem. Der Verzicht auf Fleisch, Milch, Eier und Leder „nur“ für die Tiere, kann schon abschreckend sein. Es wird ja niemand dazu gezwungen, vegan zu leben. Aber wen es interessiert und wer ein Stück konsequenter Leid vermeiden und Leben schützen will, sollte sich das mal ansehen . Auch wenn Leute für sich entscheiden, dass sie es für sich zu extrem finden, ist das noch lange kein Grund, den Veganismus schlecht zu machen und mit komischen, gelogenen Argumenten wie „künstlich Ersatzstoffe sind für veganes Leben notwendig“ anzukommen. Ich würde auch gerne gar nichts mehr kaufen, weil ich die Geldwirtschaft nicht unterstützen möchte, das ist mir aber momentan zu hart, deshalb tue ich es nicht. Aber deswegen sage ich nicht „das ist gar nicht möglich“ oder „das ist umweltschädlich“. Es ist nur mit Anstrengungen verbunden.

Künstlich und Kampf

VeganerInnen brauchen keine künstliche Ersatzprodukte mit vielen E-Stoffen, wie z.B. Ei-Ersatz. Ich kenne kein/e einzige VeganerIn die so etwas benutzt, denn so ziemlich alles unvegane lässt sich auch ohne unnatürliche Stoffe mal mehr, mal weniger original „nachkochen“. Aber noch besser sind die hunderte von internationalen Rezepten, die ursprünglich vegan sind. Alle nötigen Eiweise, Mineralien und Vitamine lassen sich durch selbstgemachtes, veganes Essen ohne Zusatzstoffe aufnehmen. Es gibt ja auch Kulturen und religiöse Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten vegan leben und wohl die meisten davon benutzen bis heute noch keine Chemie für ihre Nahrungsmittel. Natürlich gibt es alles nicht-vegane auch als vegane Version zu kaufen, in diesem Fall ist Veganismus hauptsächlich eine Frage des Geldbeutels und der Einkaufsgelegenheit. VeganerInnen die oft auf solche Ersatzlebensmittel zurückgreifen sind meistens diejenigen, die ausschließlich tierrechtlich engagiert sind. Die meisten Veganer aus meinem Bekanntenkreis aber sehen den Veganismus als einen Teil ihrer politischen und ökologischen Einstellung. Denn wie kann jemand gegen die Ausbeutung der Menschen und die Zerstörung des Planeten kämpfen, und bei den Tieren plötzlich blind sein oder mit blöden „jedes Lebewesen lebt auf Kosten anderer Lebewesen“-Argumenten kommen. Mit diesem Argument könnten wir sowohl jeden befreierischen Kampf als auch jede ethische Überlegung gleich aufgeben. Veganismus ist eben nicht nur eine Hardliner-Philosophie, von Menschen die Tierrechte über alles andere stellen, sondern ein Teil eines konsequenten Kampfes gegen die Unterdrückung. Viele VeganerInnen konzentrieren sich auch nicht auf Tierrechte, sondern sind in anderen sozialen oder ökologischen Bereichen aktiv und erkennen Veganismus als beiläufige Selbstverständlichkeit an.

Ökologie

Manche Menschen denken, Veganismus wäre nicht ökologisch und VeganerInnen würden die Tierrechte über Naturschutz oder Menschenrechte stellen. Da stellt sich zum Beispiel die Frage, ob VeganerInnen eigentlich auch keine Demeter-Produkte essen dürfen, da auf Demeter-Höfen auch immer Tiere gehalten werden. Nach dieser Logik dürften sie auch nicht in einem Geschäft kaufen, wo tierische Produkte verkauft werden. Dieses Verhalten wäre (meiner Meinung nach) zwar bewundernswert aber gar nicht unbedingt notwendig. Wenn nur noch pflanzliche Produkte von Demeter-Höfen gekauft werden würde, würden diese Höfe vielleicht auch mal auf „stockless organic farming“ also Bio-Vegan-Anbau umsatteln. Bio-vegane Landwirtschaftsbetriebe ersetzen Dünger durch Wechsel- und Mischkulturen und gezieltes, abwechselndes Brachlegen von Feldern. Richtig gemacht lassen sich auch überdurchschnittliche Erträge erzielen ohne Tiere in Gefangenschaft zu halten, sie zu missbrauchen und zu töten. Außerdem wird so eine Menge Platz gespart, weil auf gleichem Land viel mehr angebaut werden kann. Von wegen unökologisch: in europäischen Klimazonen ist veganer Anbau immer sparsamer als Anbau mit Tieren, da für die Tiere ja auch Futter angebaut oder importiert werden müsste. Durch die tierfreie Ernährung werden mindestens 80% der Anbauflächen gespart, für die selben Erträge (in vom Menschen verwertbare Kalorien gemessen). Das Mehr an Land/Futter und vor allem an Wasser (über 100 mal mehr bei Tierhaltung), das bei tierfreier Landwirtschaft eingespart wird, zeigt, dass vegane Lebensweise also auf jeden Fall ökonomischer und damit hier auch ökologischer ist. Die freigewordene Fläche kann beispielsweise für Biotope genutzt werden. In der Sahelzone oder im ewigen Eis der Arktis geht diese Rechnung natürlich nicht auf. In diesen Gebieten ist vermutlich die traditionelle Tierhaltung oder traditionelle Jagd am sinnvollsten, manchmal auch die einzige Möglichkeit. Als Teil der traditionellen und naturverbunden Lebensweise ist die Tierhaltung und die Jagd, meiner Meinung nach jedoch unter ganz anderen ethischen Blickwinkeln zu betrachten. Nur hier gilt, finde ich, das Argument, Tierhaltung könne als Natur des Menschen angesehen werden. Das Leben hier und heute jedoch ist etwas ganz anderes. Nur durch die Art des Konsums kann mensch hier wählen und entscheidet dadurch zwischen Ausbeutung, Mord und Umweltzerstörung oder Freiheit, Fairness und Gleichberechtigung.


Leid und Unterdrückung oder von Rassismus, Sexismus und Speziesismus

Es war einmal die Mehrheit unserer Gesellschaft, die rassistisch war und deshalb der Meinung, andere Menschen mit anderen Hautfarben dürften nachteilig behandelt werden, nur weil sie anders und ihnen nicht gleich waren. Damit legitimierten sie Sklaverei, Kolonialisierung und Menschenhandel, wodurch sie sich zu wohlhabenden Menschen machten, ihre Familien und Ländern bereicherten und andere Völker in den Tod, Hunger und Krieg stürzten. Noch heute gibt es eine breite Masse an Sexisten, die die Ungleichbehandlung von Frauen damit legitimieren, dass Frauen und Männer unterschiedlich seien. Sie sagen, dass Frauen deshalb schlechter bezahlte Jobs hätten, weil sie einfach weniger leistungsfähig oder für die unwichtigeren Arbeiten geschaffen seien. Damit reservieren sich diese Männer noch immer die größeren Löhne und Machtpositionen. Und noch immer sind die breite Mehrheit unserer Gesellschaft SpeziesistInnen, die glauben, nur weil Tiere anders sind als wir, könnten diese nicht unsere Ängste und Schmerzen teilen. Damit legitimieren sie die Gefangenschaft und den Mord an 500 Millionen pro Jahr in Deutschland. Als ob nicht jedes Tier Angst vor dem Tod hätte oder nicht jedes Muttertier gerne seine Kinder aufziehen würde, benutzen sie Tiere um Fleisch, Eier oder Milch „herzustellen“. Der aktuelle Stand der Ethik der meisten „Jung-Ökos“ ist, dass das Gefangenhalten und Töten von ihren vierbeinigen Mitsäugetieren okay ist, solange diese „ein schönes Leben“ haben. Ist es auch okay sich Frauen zu halten, solange diese genug „Auslauf, frische Luft und Unterhaltung“ haben? Oder sonstige Menschen anderer Haut- oder Haarfarbe mit einem Zaun einzusperren und irgendwann zu töten, solange sie ihrer „Art“ nach „gerecht gehalten“ werden? Die wenigsten würden da zustimmen, zurecht! Wir als menschliche Tiere (biologisch gesehen sind wir nichts anderes als Säugetiere) sehen das bei unseren nicht-menschlichen Verwanden aber meistens anders. Warum? Weil diese Unterdrückungsform wie die meisten anderen schon seit Jahrhunderten ausgeübt wird und auch „Ökos“ davon nur sehr langsam wegkommen. Auch Biofleisch, der schönere Name für Gefangenschaft und Mord, wird vermutlich in ein paar Jahren für alle Weltverbesserer zum Inbegriff der arroganten und menschlichen Ausbeutungswut werden, die es zu bekämpfen gilt.

Fruktarisch und Frugan

Um zu zeigen, dass sich die Welt nicht in FleischesserInnen, VegetarierInnen und VeganerInnen aufteilen lässt, sondern das Spektrum noch viel weiter geht und es Menschen gibt, die noch viel konsequenter sind, möchte ich noch zwei Ernährungsformen vorstellen.

Die Kartoffel und die Karotte, auf einem Bild in der KM55, die nicht gegessen werden wollen protestieren für den Fleischkonsum. Das Bild würde auf ziemlich egoistische, quasi „volksverhetzerische“ Kartoffeln und Karotten hindeuten, die um ihr Leben zu retten unzählige Mais- und Sojapflanzen und außerdem noch Kühe oder Schweine in den Tod schicken wollen würden. Schließlich geht ja für jedes Kilo Fleisch hundert Kilo „Tiernahrung“ drauf. Menschen, die wirklich das Leben schützen wollen und weder Tier noch Pflanzen töten wollen, ernähren sich Fruktarisch. FruktarierInnen essen kein Gemüse, das getötet werden muss um es zu verspeisen, also weder Wurzel- noch Blattgemüse. Natürlich essen FruktarierInnen keine tierischen Produkte: Nüsse, Früchte und Gemüse wie Tomaten, Paprika und Hülsenfrüchte bilden also die fruktarische Ernährung, ganz ohne Mord an Salat oder Kartoffeln.

Noch konsequenter sind die FruganerInnen. Sie wollen die Pflanzen auch nicht durch abpflücken quälen oder durch unnatürlichen Anbau ausbeuten und ernähren sich daher nur von Fallobst und gesammelten Nüssen. Da ich leider weder FruganerInnen noch FruktarierInnen kennengelernt habe, kann ich über praktische Erfahrungen nicht berichten, lediglich einen Rohkostveganer kenne ich, der sich seit Jahren bester Gesundheit erfreut. Ich denke auf jeden Fall, dass fruktarische Ernährung ausgewogen sein kann; über frugane Ernährung bin ich einfach zu schlecht informiert.

Vegan Ungesund?

Es gibt viele Menschen, die daran zweifeln, dass vegane Ernährung sehr einfach und gesund sein kann. Unvoreingenommene ÄrtzInnen, erfahrene VeganerInnen und erfolgreiche SportlerInnen dagegen können bestätigen, dass wenn mensch ein wenig auf ein paar Dinge achtet, sogar gesünder lebt als Nicht-VeganerInnen. Zum Beispiel das tierische, unnötige und oft schädliche Cholesterin, womit vegane Menschen nie Probleme haben. Auch verschiedene Krebsarten und andere Krankheiten treten bei VeganerInnen viel seltener auf. Und das ganze ist auch ohne künstliche Vitaminaufnahme möglich!

Achtung liebe (potentielle) Veganer: hier irrt der Autor. Zumindest Vitamin B12 solltet ihr zusätzlich zu euch nehmen, sonst drohen euch nach Verbrauch der Reserven bleibende Nervenschäden. Entgegen verbreiteter Gerüchte gibt es keine natürliche vegane Quelle von Vitamin B12, also holt euch bitte entsprechende Pillen. Ende der Durchsage, weiter im Text. (Quelle}

Seit Jahrhunderten vegan lebende Völker beweisen dies. Auch das Klischee von schwachen, unterernährten VeganerInnen ist out. Schließlich ernähren sich nicht umsonst viele leicht- und schwerathletische SportlerInnen vegan, um mehr Leistung bringen zu können. Zum Beispiel Martina Navratilova, die als eine der besten Tennis-Spielerinnen aller Zeiten gilt und Brendan Brazier, der Sieger des Canadian Ultra Marathon 50 km 2003 und 2005.

Der vegetarische Schinken

Vegetarisch ist nach einer beliebten Definition Nahrung, die nicht vom toten Tier kommt. Ein ostafrikanischer Stamm, die Massai, trinken Milch gemischt mit Rinderblut, das sie von lebenden Rindern anzapfen. Die Wunde der Rinder verheilt und ist ohnehin nur sehr klein, sie bemerken diese oft gar nicht. Dieses Rinderblut ist also nach obriger Definition vegetarisch! Wenn jetzt jemand einem Schwein die Hinterbeine amputiert, das Schwein aber weiter lebt, und aus diesen Hinterbeinen dann Schinken gemacht wird, dann ist dieser Schinken doch auch vegetarisch!? Natürlich ist das eine kranke Idee, aber so kann es eben auch sein: Nur weil ein Tier nicht direkt bei der Herstellung eines Produktes stirbt, heißt das nicht, dass ein (tierisches) Produkt ohne tierische Qualen in den Laden kommt! Auch für Milch und Eier werden Kühe und Hühner eingesperrt und irgendwann getötet, auch Bio-Hühner und Bio-Kühe. Diese arrogante und egozentrische Sicht, „wenn das Tier artgerecht gelebt hat, dann darf es auch für meinen Konsum sterben“, ist meiner Meinung nach sehr fragwürdig.

Persönliche Entscheidung und Toleranz

Schlussendlich muss jedeR für sich selbst wissen, in wie fern er/sie sich bewusst ernährt und damit Leid in Kauf nimmt. Ich weiß einigermaßen, wo ich Leid und Umweltzerstörung bei meinem Konsum verursache. Trotzdem toleriere und bewundere ich teilweise auch Menschen, die das nicht tun. Das heißt nicht, dass ich mich unbedingt deshalb schlecht fühle. Ich will niemand dumm anmachen, der sich für eine bequemere Konsumangewohnheit entscheidet. Ich will anderen Menschen nur andere Konsummöglichkeiten darlegen. Und dass sollte jeder Mensch tolerieren, auch wenn er/sie sich bewusst oder unbewusst gegen diese Lebensstile entscheidet! von Philip Copony

Informative Links im Internet:
www.grundrecht-leben.de
www.vegan.at
www.vegan.de
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