Sinn und Unsinn von Copyrights

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Quelle: Der folgende Artikel erscheien im Februar 2004 in der kritischen Masse Nr.50 auf Seite 28 unten


"The pirate of knowledge is a good pirate" Michel Serres

Sinn und Unsinn von Copyrights

Seit dem Boom von Internettauschbörsen hat die Musik- und Filmindustrie den Sündenbock für ihre Umsatzeinbrüche gefunden. Nicht selten führen deren Maßnahmen und Pläne zur Einschränkung der Nutzerrechte, zur Ausschaltung von unliebsamer Konkurrenz und nicht selten auch zum Polizeistaat.

Kopien von Musik und Filmen sind nichts neues, gab es immer und sie waren auch bisher gedeckt durch das Recht auf Privatkopie. 2000 ging die Musiktauschbörse Napster an den Start. Tausende tauschten Musiktitel über das Internet, im neuen Format namens MP3. MP3 war ein Meilenstein der digitalen Musik - vorher waren Musiktitel immer mit riesigen Datenmengen verbunden - MP3 macht es möglich, mit sehr geringen Verlusten Musik zu speichern. Ob das Tauschen von Musiktiteln über Napster und Co legal war, ist juristisch strittig - es gibt das Recht auf Privatkopie - wo hört dieses auf?

Mit dem Aufkommen der Tauschbörsen begann der Kampf der Musikindustrie, die Kampagne "Copy kills Music" wurde gestartet. Kurze Zeit später tauchten die ersten CDs mit sogenanntem Kopierschutz auf - der leider allzu häufig einen Abspielschutz darstellt. So lassen sich kopiergeschützte CDs in vielen CD-Playern nicht abspielen, in PCs bleiben sie gänzlich stumm. Später ermöglichte man dann das Abspielen am PC in eingeschränkter Qualität - wenn der Kunde zufällig ein Betriebssystem von Microsoft installiert hat. Kopiergeschützte CDs sind keine echten CDs - sie enthalten bewußt Fehler, die ein Abspielen im PC und damit ein Umwandeln in MP3 verhindern sollen. Indes, die meisten Kopierschutzmaßnahmen sind wirkungslos - sie lassen sich alle umgehen. Schaden tun sie nur denen, die die Daten legal nutzen wollen, aber vielleicht keinen CD-Player besitzen.

Die Filmindustrie hatt schon einige Zeit früher den Kopierschutz eingeführt - auf DVDs (genaugenommen gab es sogar schon auf Videokassetten den Macrovision-Kopierschutz). Die Daten auf einer DVD sind verschlüsselt abgelegt - nur lizenzierte Abspielprogramme besitzen den Schlüssel und kommen an die Daten. Die dient naheliegenderweise nicht nur dazu, Kopien einer DVD zu verhindern, sondern auch, unliebsame Konkurrenz bei den Abspielprogrammen zu verhindern - kostenlose DVD-Software soll es nicht geben. Selbstverständlich gab es lizenzierte DVD-Programme auch nur dann, wenn man (die Dinge wiederholen sich) ein Betriebssystem von Microsoft sein eigen nennt. Dies animierte einige findige OpenSource-Programmierer dazu, sich den DVD-Kopierschutz genauer anzuschauen - mit Erfolg: der Norweger Jon Lech Johansen entwickelte das Tool DeCSS, mit dem sich der Kopierschutz umgehen lässt.

Indes, trotz aller Kopierschutzmaßnahmen gingen die Umsätze von Film- und Musikindustrie weiter zurück. Kritik, etwa, dass die Musikindustrie das Internet einfach verschlafen hat oder dass es Möglicherweise mit der Qualität aktueller Charthits zusammenhängt, prallte ab. Die Tauschbörsen waren weiter der Hort des Bösen. Auch, dass möglicherweise wegen der benutzerunfreundlichen Kopierschutzmaßnahmen die Umsätze zurückgingen, kam niemandem in den Sinn. Ich zumindest kaufe keine CD, die ich nicht abspielen darf, weil ich keinen CD-Player besitze und von der ich mir keine Kopie für's Autoradio machen darf.

Im Herbst 2003 wurde das deutsche Urheberrecht reformiert - und dabei fast alle Wünsche der Musikindustrie umgesetzt. Das Recht auf Privatkopie bleibt zwar theoretisch erhalten. Praktisch darf man es jedoch nicht mehr wahrnehmen, da die "Umgehung wirksamer Kopierschutzmaßnahmen" nicht zulässig sei (man bemerke bitte den klitzekleinen Widerspruch - entweder ein Kopierschutz ist wirksam oder man kann ihn umgehen). Die Umgehung von Kopierschutzmaßnahmen ist jedoch nicht nur illegal, wenn man damit Kopien anfertigen will, sondern auch, wenn man lediglich die Daten abspielen will - etwa, weil sie sich nur mit dem Betriebssystem von Microsoft abspielen lassen.

In den USA hat die RIAA (die dortige GEMA) bereits viele Nutzer von Tauschbörsen verklagt. In Deutschland startete die Filmindustrie vor kurzem die ausgesprochen geschmacklose und menschenverachtende Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher".

Digital Restriction Management

Die Außeinandersetzungen um wirkungslose, aber lästige Kopierschutzmaßnahmen sind jedoch nur der Vorbote einer viel fataleren Entwicklung - das sogenannte "Digital Rights Management" (DRM, von Kritikern mit dem treffenden Namen "Digital Restriction Management" bezeichnet). Dabei geht es, kurz gesagt, darum, dem Nutzer die Macht über seine Technik zu nehmen. Möglich werden sollen damit etwa Dinge wie CDs, die sich nur eine bestimmte Zeit lang abspielen lassen (oder nur auf einer bestimmten Anzahl von Geräten oder auch nur auf dem Betriebssystem von Microsoft). Apple hat vor kurzem den iTunes Music Store eingerichtet. Hier kann man sich online Musik zum Preis von 99 Cent herunterladen, die dann jedoch nur auf drei Computern abspielbar ist (wenn diese das Betriebssystem von Apple installiert haben - oder das von Microsoft). Netterweise hat Jon Lech Johansen , der sich ja schon um DVDs verdient gemacht hat, bereits Möglichkeiten gefunden, wie sich die Musikstücke auch auf weiteren Computern abspielen lassen - DRM ist mit heutiger Computertechnologie nicht durchsetzbar. Am Horizont erscheinen jedoch unschöne Ideen der Computerindustrie - das, was sich hinter den Namen TCPA, TPM und Trusted Computing verbirgt. TCPA bedeutet letztendlich eine Entmachtung des Computernutzers (später soll diese Technologie in allen Geräten der Unterhaltungselektronik eingesetzt werden). Was der Computer tun darf oder auch nicht, entscheidet nicht mehr der Besitzer, sondern irgendjemand von außerhalb.

Warum eigentlich "Geistiges Eigentum"?

Man sollte sich gelegentlich mal die Frage stellen, warum Copyrights eigentlich so selbstverständlich als Naturgesetz angesehen werden. Wieso soll jemand, der einmal ein Musikstück erstellt hat, dieses beliebig oft verkaufen dürfen (Anmerkung: Der Künstler erhält sowieso nur einen Bruchteil des Geldes, das eine CD kostet - ca. 50 Cent - der Rest geht an die Musikindustrie)? Wieso darf jemand eine Software programmieren und diese millionenfach verkaufen, obwohl deren Reproduktionskosten praktisch bei Null liegen? Copyrights dienen zur künstlichen Verknappung eines Guts, welches theoretisch in unbegrenzter Menge vorliegt. Es nützt ausschließlich denen, die damit maximale Profite kassieren wollen. Es wird Zeit für die einzig logische Forderung: Abschaffung des "Geistigen Eigentums", keine Copyrights mehr.

Was tun?

Ich habe mir in den letzten Monaten genau eine CD gekauft - "Geräusch" von den Ärzten - eine der wenigen, die noch ohne Kopierschutz ausgeliefert werden. Kopierschutzmaßnahmen, die die Rechte der Nutzer einschränken, sollte man konsequent boykottieren.

Mehrfach ist im diesem Artikel vom Betriebssystem von Microsoft die Rede - niemand ist mehr gezwungen, dieses zu benutzen (das kann sich natürlich durch TCPA wieder ändern, aber soweit sind wir ja noch nicht). Die Linux User Group von nebenan hilft gerne weiter. Hanno Böck

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