WSF Venezuela von Martin

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Welt Sozial Forum 2006

Ueberall Workshops: In Caracas Stadtpark sind die Zapatisten, in der Universitaet wird ueber verantwortungsvollen Rucksacktourismus geredet, im Hilton Hotel kann man sich an „Playbacktheatre“ versuchen und im Militaerflughafen laden die Friedensaktivisten aus Brasil zum Meinungsaustausch ein. Im Militaerflughafen?! Zugegeben, das wirkt ein wenig bizarr - ebenso wie der fast religioese Kult um den Presidenten Hugo Chavez. Wie auch immer, venezuelas Fuehrung war jedenfalls sicher gerne Gastgeber fuer das weltweit groesste Treffen von Globalisierungskritikern, Feministen, Menschenrechtlern, Antiimperialisten, Umweltschuetzern... kurz: fuer alle, die der US-Regierung auf die Nerven gehen. A propos Umweltschuetzer, man koennte fast den Eindruck bekommen, dass kein einziger von ihnen an der Planung des Forums beteiligt war: Als nette solidarische Geste wurden Essen an die Besucher verteilt, sorgfaeltig in mehrere Schichten von Plastiktueten verpackt. Fuer die Vegetarier gab es Wasser aus winzigen Plastikflaschen. Eine zweite Gruppe, die man auf Mister Bushs persoenlicher Hassliste erwarten wuerde, war allerdings uberhaupt nicht vertreten. Wo waren die Anarchisten? Da sie ihre Ideen nicht in dem grossen Forum wiederfanden, haben sie einfach ihr eigenes „forum social alternativo“ organisiert. All jene, die nicht ins Bild des von der Regierung abhaengigen WSF passten, hatten hier die Moeglichkeit zu sprechen. Eine feindselige und von Konkurrenz gepraegte Atmosphaere wurde gluecklicherweise vermieden. Im Gegenteil, in ihrem gemuetlichen kleinen Haus wurde eine gut gewaehlte Ergaenzung zur Hauptveranstaltung geboten: Es gab Filme ueber besetzte Haeuser, anarchistische Psychotherapie, Widerstandskaempfer und viele andere Themen. Nach den Vorfuehrungen sprach meist jemand mit persoenlichen Erfahrungen ein paar Worte, um eine anschliessende Diskussion anzustossen. Sonya Angélica Diehn (Co-Gruenderin von Indymedia-Arizona) gab eine Einfuehrung in Videoaktivismus, und im Universitaetssaal fragte John Halloway die vielen Zuhoerer, wie wir die „Welt veraendern koennen ohne die Macht zu ergreifen“. Mit dem grossen WSF und seinem kleinen alternativen Bruder hatte man die Moeglichkeit, Workshops zu so ziemlich jedem beliebigen Thema zu besuchen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich gar nicht so sehr daran interessiert war, mit dem Programmheft in der Hand meinen Tag zu planen um auch ja nichts zu verbessern. In Deutschland gibt es auch Workshops, warum sollte ich also meine kostbare Zeit in Caracas darauf verwenden, Diskussionen in Spanisch zu folgen? Ja, aber warum bin ich denn dann ueberhaupt nach Caracas gekommen? Zunaechst moechte ich anmerken, dass ich sowieso in Ecuador unterwegs war und nur fuer das WSF sicher nicht in ein Flugzeug steigen wuerde. Aber um die Frage zu beantworten: Ich bin hierher gekommen um die Menschen zu treffen. Das Chaos aus Imbissbuden, Schmuckverkaeufern, wehenden Bannern, Rufen der Chavisten und Mantras der Hare Krishnas wirkt auf den ersten Blick wie ein absurder Freizeitpark fuer Politikinteressierte. Wer genauer hinschaut findet unter der bunt glitzernden Oberflaeche aber eine Vielzahl von interessanten Moeglichkeiten. In nur einem Tag kann man dem gesamten Suedamerikanischen Kontinent sowie noch einigen anderen Laendern begegnen. Da alle Teilnehmer gekommen sind, um Erfahrungen auszutauschen, brauchst man normalerweile nicht lange um jemanden zu finden, der zu einem bestimmten Thema Erfahrungen aus erster Hand liefern kann. Wer sich hingegen lieber vom Zufall leiten laesst braucht er nur irgendjemand einen freundlichen Blick zuwerfen und zehn Minuten spaeter unterhaelt man sich ueber „Peace-Brigades“ in Kolumbien, Soldaten im Irak, die Wirkungsmechanismen von Faschismus... oder wo es in Peru die besten Partys gibt. Bei einem Treffen wie dem WSF kann es natuerlich nicht nur um Politik gehen. Es geht auch um Kultur, Lebensstile, Musik und einfach darum, zusammen Spass zu haben. Die Brasilianer fuehrten ihre eindrucksvolle Capoeira Tanzkunst vor, und jede Nacht schwebte der Bass eines Hiphop oder Reggaekonzerts in der Luft. In der Woche des Forums wurden interessante Reden gehalten und wichtige Themen angesprochen. Trotzdem, die zufaellige Unterhaltung in einem Restaurant, Kontakte, die in einer Warteschlange fuer die unglaublich wichtige offizielle WSF-Stofftasche geknuepft wurden, Zusammenkommen auf dem Gehweg oder im Park... das alles war ebenfalls wichtig und macht einen Besuch des Forums zu einem lohnenden Ereigniss.

Martin Weller