Wyhler Wald und Vietnam: Akzeptanzforschung, Kriegspropaganda und neue Durchsetzungnsstrategien
Aus Kritische Masse Wiki
Quelle: Der folgende Artikel erschien im Februar 2004 in der Kritischen Masse Nr.50 auf Seite 9
PR und Greenwash in Sachen Umwelt und Krieg
Wyhler Wald und Vietnam: Akzeptanzforschung, Kriegspropaganda und neue Durchsetzungsstrategien
1975 endete der Vietnamkrieg und im gleichen Jahr besetzte im südbadischen Wyhl die Bevölkerung den Bauplatz eines AKW-Geländes und verhinderte so den Bau des Atomkraftwerks. Beide Vorgänge haben direkt nichts miteinander zu tun, und doch waren die Niederlage der Militärs in Vietnam und die der Atomindustrie in Wyhl der Beginn neuer, psychologisch geschickterer Durchsetzungsstrategien.
Die offene und umfassende Berichterstattung in den Medien, der all-abendliche Fernsehkrieg und die unzensierten Bilder über die Gräuel des Krieges in Vietnam hatten den Widerstand der Friedensbewegung weltweit angefacht, und dieser Widerstand war mit ein Grund für den Rückzug und die Niederlage der Amerikaner. Die Militärs haben ihre Lektion gelernt. Der nur scheinbar „klinisch saubere Hightechkrieg am Golf”, den ausgewählte Journalisten der Öffentlichkeit zelebrierten, war nicht zuletzt das Ergebnis der verlorenen Medienschlacht in Vietnam.
Und auch die Niederlage der Atomindustrie im Wyhler Wald, das Erstarken des Bürgerprotestes, der Bürgerinitiativen, der Umweltverbände und des BUND wurden in den Chefetagen der Atomindustrie und der Wirtschaft sehr genau analysiert. Meinungsforschungsinstitute untersuchten den Widerstand und entwickelten neue, geschicktere Durchsetzungsstrategien. Akzeptanzforschung mit dem Ziel, Akzeptanz für gefährliche und umstrittene Anlagen und Technologien durchzusetzen, war angesagt.
Während ein Teil der Umweltbewegung heute noch in den Kategorien der „schönen alten Konflikte” von Wyhl und Wackersdorf denkt, sind wir in Wirklichkeit schon lange mit neuen Durchsetzungsstrategien konfrontiert: Mit „Greenwash”, industriegesteuerten Scheinbürgerinitiativen, einer verharmlosenden Neusprache (Entsorgungspark...) und Alibibiotopen. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn das bayrische AKW Ohu das Öko-Audit-Zertifikat bekommt, wie dies 1999 geschehen ist.
Die geschickte, stille Durchsetzung der atomaren Endlagerpläne in der Schweiz und die Versuche, bei der Durchsetzung der Gentechnik das Fiasko der Atomwirtschaft zu vermeiden, stehen exemplarisch für die Konflikte von heute. Konflikte, bei denen die alten Mechanismen der Umweltbewegung zumindest teilweise ins Leere laufen. Doch zurück zu den Anfängen, zurück zu Wyhl. In der heißen Phase dieses Konflikts analysierte das Battelle-Institut im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung und Technologie den Widerstand. Die erste Studie hatte den Titel „Bürgerinitiativen im Bereich von Kernkraftwerken”. Die Badenwerk AG beauftragte dann 1975 die Hamburger Werbeagentur Drews Verfahrensstrategien zu entwickeln, die eine zügige Überwindung des Widerstandes der Bevölkerung garantieren sollten. Das Manager Magazin und der Spiegel berichteten über die Vorschläge der Werbeagentur, die u.a. die folgenden Taktiken vorgeschlagen hatte:
- „Negativtaktik: Dramatisierung aller Probleme, die durch den Nichtbau von Kernkraftwerken entstehen. Die Ängste der Gegenwart durch die Ängste der Zukunft überdecken.
- Verschleierungstaktik: Herunterspielen der Probleme, die im Zusammenhang mit Kernkraftwerken in der Bevölkerung auftauchen. Die Ängste durch Verfremdung der Probleme verdrängen.
- Verschönerungstaktik: Einseitige, positive Informationen über alle Fragen (fast alle) der Kernenergie. Die Ängste einfach negieren und ein positives Bild aufbauen.”
Dieses zwischenzeitlich 25 Jahre alte Strategiepapier kommt einem angesichts mancher Argumente der Atomwirtschaft im Zusammenhang mit der aktuellen Atomausstiegsdebatte seltsam bekannt vor. Die alten Strategien werden heute noch verwendet.
1988 wurde den Umweltverbänden ein geheimes Papier zugespielt, welches die Bremer Werbeagentur Wächter für den Ölkonzern TEXACO erstellt hatte. Obwohl im Oktober 1985 das Wattenmeer vor der Küste Schleswig Holsteins zum Nationalpark erklärt wurde, begann die TEXACO wenige Monate später mit der höchst umstrittenen Erdölsuche in diesem Gebiet.
Mit einer aufwendigen Werbekampagne sollte die Erdölsuche gegen den Widerstand vor Ort durchgesetzt werden. Der BUND Schleswig Holstein reagierte empört, denn in der Studie wurden Menschen, die im Umweltschutz arbeiten, als „destruktive Kräfte” diffamiert und eine Strategie zu ihrer Bekämpfung entworfen. U.a. wurde bekannt, dass eine Info-Datei mit Daten über Umweltorganisationen und Umweltschützer aufgebaut werden sollte. Die vorgesehene gezielte Bespitzelung von Aktiven stellte in diesem Konzeptpapier tatsächlich eine neue „Qualität” dar. Spannend ist auch das Kapitel, in dem die „Bearbeitung” der Medien und Journalisten beschrieben wird. Dazu kommt die Aufzählung der Fachleute, die zur Betreuung der „Werbeaktion” für die Bohrinsel im Wattenmeer eingesetzt werden sollten:
„Zu zwei Fachleuten mit 15 jähriger Erfahrung auf dem Gebiet der PR kommen vier Spezialkräfte für Pressekontakte, ein Psychologe, 35 freie Kräfte (Studenten, RCDS, Referendare), Fotografen, Graphik-Designer, eine Spezialdruckerei, Filmteams, fünf erfahrene Referenten und dazu noch 40 Mitarbeiter für die verbale und visuelle Gestaltung ...”
Die UmweltschützerInnen an der Nordsee, waren sich vermutlich nicht im klaren darüber, welche Infrastruktur die Firma TEXACO aufbieten wollte, um ihnen entgegenzutreten.
Die Zeiten, in denen kleine Hamburger und Bremer Werbebüros solche PR Aufträge von der Industrie bekamen, sind vorbei. Die Akzeptanzerzwingungsstrategien der Gentech-Multis erarbeitet heute ein weltweit agierender Meinungsmacher-Multi: Burson-Marsteller heißt der Global Player in Sachen Public Relations. Aus einem internen Papier für den europäischen Gentechverband EuropaBio geht hervor, wie die Bevölkerung an die Gentechnik gewöhnt werden soll. Der Industrie wird empfohlen, Diskussionen über sogenannte „killing fields” (Schlachtfelder), den realen Umwelt- und Gesundheitsrisiken der Gentechnologie, zu vermeiden. Nicht die Gefahren, sondern nur die Chancen sollen diskutiert werden. Die Medien, vor allem die Privatsender, sollen regelrecht zu neuen Marketinginstrumenten umgeformt werden. Nach Ansicht der Fachjournalistin Ursel Fuchs bereiten die großen Genmultis mit einem Aufwand von mehreren Milliarden Dollar eine gigantische Gehirnwäsche mit Hilfe der Medien vor.
Greenpeace hat Auszüge aus dem weltweiten Wirken von Bursen-Marsteller zusammengetragen: Nach der Chemiekatastrophe in Bhopal im Jahr 1984, bei der ca. 2000 Menschen starben und 200 000 verletzt wurden, setzten sich B-M Mitarbeiter und die Verursacherfirmen Union Carbide zum Krisenmanagement zusammen und erarbeiteten Konzepte für die PR Strategie. B-M berät u.a. weltweit Diktaturen und führt Imagekampagnen durch, damit Staatsterror, Massaker und Gräueltaten nicht zu wirtschaftlichen Nachteilen und Sanktionen für die betreffenden Staaten führen. Dies geschah in der Vergangenheit u.a. in Osttimor (Indonensien) und Argentinien. 1990 wurde B-M für die amerikanische Firma Dow Corning aktiv, deren Silikon-Brustimplantate teilweise geplatzt waren und im Verdacht standen Brustkrebs auszulösen. Auch für britisches Rindfleisch in Zeiten von BSE entwirft die Firma Werbekampagnen.
Die Global News berichten, dass B-M die nigerianische Regierung während des Biafra-Krieges beriet, um Berichten über Völkermord in den Medien entgegenzuwirken. Nach der Reaktorkatastrophe von Three Mile Island durfte die Agentur das angekratzte Image der Betreiberseite aufpolieren, und der Ölriese Exxon griff nach dem Tankerunglück vor Alaska auf die Dienste von Burson-Marsteller zurück.
Mit Burson-Marsteller ist also wirklich eine Firma mit „internationalen Erfahrungen” für die Gentechmultis aktiv. Die wenigen internen Papiere, die an die Öffentlichkeit gelangen, sind vermutlich nur die Spitze des Eisbergs der Manipulation und käuflichen Desinformation. B-M versteht „Kommunikation als Instrument, durch Überzeugung Verhaltensweisen herbeizuführen, die zum wirtschaftlichen Erfolg der Kunden führen” (Zitat aus der Selbstdarstellung). Kunde von B-M könnte selbstverständlich auch der BUND sein, wenn er so viel Geld hätte wie die Genlobby oder manche Diktatoren, die ein besseres Image brauchen. Meinung, Öffentlichkeit und Image sind, wie so vieles heute, käuflich.
Manche Probleme in der täglichen Arbeit der Umweltverbände haben ihre Wurzeln in den neuen Strategien und Werbemethoden der Industrie. Viele Aktive des BUND und der Umweltbewegung, auch in den kleinen Gruppen vor Ort, legen sich mit mächtigen Gegnern an. Bei AKWs, Müllverbrennungsanlagen, gentechnischen Freisetzungsversuchen und Straßenbauprojekten geht es nicht nur um die Umwelt, sondern stets auch um viel Geld. Gerade vor Ort ist manche „handgestrickte Aktion”, die am Vorabend in kleiner Runde ausgedacht wurde, dennoch sehr erfolgreich, auch wenn die Aktiven vor Ort nicht über das Geld und den Apparat der Multis verfügen.
Dennoch müssen sich BUND, Umweltbewegung, Friedensbewegung und Menschenrechtsgruppen verstärkt und kritisch mit den Strategien von Meinungsmultis wie Burson-Marsteller auseinandersetzen ohne sie zu imitieren. Wir müssen weiterhin die Probleme thematisieren, die uns wichtig sind, auch wenn uns die Werbestrategen gerne die Felder vorgeben würden, die wir diskutieren „dürfen”. Es geht dabei nicht nur um Natur und Umwelt, sondern auch um Demokratie. Axel Mayer
Im Frühjahr des Jahres 2000 haben die Medien an die Bauplatzbesetzung im Wyhler Wald vor 25 Jahren erinnert. Nach der Rückbesinnung unter eher nostalgischen Aspekten liefern wir Ihnen heute eine kritische Analyse der Auswirkungen der Wyhler Bauplatzbesetzung auf Akzeptanzforschung und neue Durchsetzungsstrategien. Auf Wunsch senden wir Ihnen gerne die Materialien auf denen diese Hintergrundinformation basiert.
BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein Wilhelmstr. 24 A, D-79098 Freiburg Tel.: +49 (0)761/ 3 03 83 Fax: +49 (0)761/ 2 35 82 eMail: bund.suedlicher-oberrhein@bund.net

